Zugfahrt von Berlin nach Krakau

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Foto: Unsplash/Paolo Candelo

Abfahrt 18:47

In einem Abteil mit einem jungen Tschechen, 22 Jahre alt, der sofort anfängt Bier zu trinken und noch etwas anderes als Tornado, aber in kleinen Schlucken.

Ich habe Kopfhörer drin. Ihn scheint das nicht zu interessieren und er fängt an mit mir zu reden. Am Anfang ist es ein durchaus interessantes Gespräch. Er war in Deutschland, weil er eine Schwester in Mannheim hat und jetzt besucht er auf dem Rückweg nach Tschechien Verwandte in Polen. Er ist nur ein Jahr älter als ich, aber schon verheiratet und Vater einer zweijährigen Tochter. Er hat vor einem Jahr geheiratet, da war er so alt wie ich jetzt. Seine Frau ist 18 Jahre alt und weil sie ein Kind von ihm bekommen hat, musste er sie heiraten, sonst gelte sie als Hure. Unterm Strich heißt das, er hat wohl mit 19 seine 16-jährige Freundin geschwängert und musste sie dann heiraten, als sie volljährig war. Trotzdem versteht er nicht, warum sich in Deutschland so viele Paare scheiden lassen. Er sagt, in Deutschland schmeißen die Leute einfach Sachen weg, wenn sie kaputt gehen. In Tschechien repariert man sie. Ich erzähle von meinen Journalismusstudium, er sagt Propaganda.

Er trinkt immer mehr und er erzählt immer mehr. Von seinem Vater, der im Bergbau gearbeitet hat und mit 55 Jahren gestorben ist, weil er unwissentlich Radium aus der Erde geholt hat. Von seinem Heimatort in Tschechien, der einerseits gut ist, weil es dort Industrie gibt (eine Benzinfirma), aber andererseits auch ganz furchtbar, weil die ganze Umwelt verpestet ist. Der Fluss ist so voll mit Öl, dass man ihn anzünden kann. Er (ich kenne seinen Namen nicht, wir haben uns nicht richtig vorgestellt) sagt, in allen Restaurants des Ortes gibt es Fisch zu essen, aber zum ersten Mal Fisch probiert hat er jetzt in Mannheim.

Masken wie aktuell bei Corona sind für ihn nichts Neues, weil er das aus seiner Kindheit kennt. Die Luft in seinem Dorf ist so schlecht, dass Schüler*innen mit Maske in die Schule gehen. Er arbeitet bei der Bahn in Tschechien. Er fährt aber nicht die Züge oder ist Schaffner, sondern er regelt den Verkehr. Er setzt also Schienen, hält Züge an und so weiter. Bei seinem vierten Bier und nach mehreren Tornados aus der anderen Flasche fragt er mich, ob in Deutschland wirklich niemand Alkohol trinkt. Ich sage, dass ich das so nicht sagen würde und frage, wie er darauf kommt. Er sagt, dass er gehört hat, dass die Leute in Deutschland nach Hause geschickt würden, wenn sie bei der Arbeit trinken. Ich sage, das stimmt wohl. Er sagt, das kann er nicht nachvollziehen, auf seiner Arbeit trinken alle Bier. So würde man die Probleme lockerer sehen und sie fühlen sich lösbarer an. 

Notiz an mich: Niemals in Tschechien mit dem Zug fahren.

Bei seinem Job verdient er umgerechnet 550 Euro im Monat und arbeitet 50 Stunden in der Woche. Das sei zwar hart und aus deutscher Sicht nicht so viel Geld, aber trotzdem okay. Erstens wegen dem Alkohol, und zweitens wegen den niedrigen Preisen in Tschechien. Für seine Wohnung im Zentrum zahlt er nur 20€ Warmmiete. Sie ist 72 Quadratmeter groß. Er arbeitet zwar in Tschechien, aber für die Deutsche Bahn. Deswegen hat er einen Ausweis von der DB, mit dem er in Deutschland kostenlos Zug fahren kann. Er ärgert sich, dass er so einen Ausweis nicht für Tschechien hat. Das würde ihm wohl mehr bringen.

Er wird immer betrunkener und redet inzwischen ein wenig durcheinander. Er erzählt von einem Lokführer, dessen depressive Frau sich vor seinen eigenen Zug geworfen hat. Am nächsten Tag hat sich der Lokführer erschossen. Das sei ein schlimmer Tag gewesen. Meistens macht die Arbeit aber Spaß. Er mag seine Kolleg*innen. Es ist oft lustig. Zum Beispiel das eine Mal, als eine Lokführerin in einem Tunnel ein Pferd totgefahren hat. Das Pferd hat einfach auf den Gleisen gestanden und sie mit großen Augen angeschaut, bevor es überfahren wurde. Er war da noch in der Ausbildung und musste hinterher den ganzen Zug sauber machen. Ich finde die Geschichte nicht so lustig, sage ihm das aber nicht. Als nächstes einigen wir uns darauf, dass Englisch die wichtigste Sprache ist und seine Tochter sie unbedingt lernen muss.

Ich erfahre, was in der anderen Flasche ist. Es ist vietnamesischer Schnaps. Er hat 82 Prozent. Kein Scheiß. Er fragt mich wiederholt, ob ich ein Bier möchte (ich lehne wiederholt ab) und bietet mir an den Schnaps zu probieren. Ich rieche dran und kann nicht glauben, dass er von dem Gesöff wirklich alle zehn Minuten einen kleinen Tornado-Schluck nimmt und diesen dann mit Bier herunterspült. Ich weiß zugegebenermaßen nicht, ob der Schnaps wirklich 82% hat, aber er riecht auf jeden Fall so. Ich fühle mich immer unwohler, weil er immer betrunkener wird und zunehmend belang- und zusammenhangloses Zeug lallt. Jeder Versuch die Konversation zu beenden, scheitert dennoch, auch weil ich in solchen Dingen sehr unbegabt bin.

Er war heute, bevor er zurück nach Berlin zum Zug gekommen ist, schon einmal über der Grenze in Polen. Um Bier, Schokolade und Böller zu kaufen. Er hat mitbekommen, dass die deutsche Regierung das Böllern verboten hat. Das kann er nicht nachvollziehen. Er hat Feuerwerkskörper in Polen gekauft, nichts für Amateure, sagt er. Die fetten Totenköpfe (weiß auf schwarz) auf jeder Rakete unterstreichen das. Er fragt, ob wir einen anzünden und aus dem Fenster schmeißen wollen. Ich sage nein. Er macht’s trotzdem, zündet in unserem Abteil einen Böller an und schmeißt ihn aus dem Fenster. Dann stiehlt er das Schild, das die Bahnhöfe auf der Strecke anzeigt. Er sagt, das machen er und alle seine Kolleg*innen. Damit sie sich gegenseitig zeigen können, mit welchen Zügen sie gefahren sind. Er schenkt mir auch noch eine Art Generalschlüssel für Züge. Damit kann man ganz viele Türen (z.B. Toilette) und Kästen (z.B. Sicherung) in jedem Zug auf- und zumachen.

Dann verschüttet er Bier. Erst will er den Vorhang aus dem Abteil abreißen und es damit aufwischen. Ich gebe ihm Taschentücher. Er nimmt sie, verschwindet kurz, kommt zurück und fängt dann an zu wischen. Ich weiß nicht genau womit, weil ich den Moment nutze um aus dem Abteil zu gehen und mit meiner Freundin zu telefonieren. Dann sehe ich wie die Verkehrspolizei bei unserem Abteil hält und auf ihn einredet. Scheinbar ist Alkohol im Zug verboten. Als ich wieder ins Abteil komme, erzählt er, dass er das Bier ins Klo schütten musste, aber den Schnaps aus Vietnam behalten darf. Deswegen würden sie Polen in Tschechien ein Dritte-Welt-Land nennen. Und weil man nirgends rauchen darf.

Wir sind nicht mehr allein. Es sitzt jetzt noch ein Junge im Abteil, der nicht ein Wort sagt und damit insgesamt für Ruhe sorgt. Ich mache das Licht aus und der Tscheche schläft ein. Mir gelingt das nicht, obwohl ich es versuche. Es ist noch zu früh am Abend und die Sitze im Abteil zu ungemütlich, um zu schlafen.

Der Neue steigt bald wieder aus und wir sind erneut zu zweit im Abteil. Er schläft weiterhin. Eigentlich gut für mich, aber schlafen kann ich trotzdem nicht so richtig. Dann kommt eine junge Frau mit zwei schlafenden Kindern ins Abteil. Das sorgt dafür, dass er, obwohl er aufwacht, nicht wieder anfängt zu erzählen. Er wirkt nicht sonderlich betrunken, aber sehr müde. Ich scheine dann doch mal länger und einigermaßen fest zu schlafen. Ich bekomme nämlich nicht mit, wie der Tscheche den Zug verlässt. Als ich aufwache, ist er nicht mehr da.

Ich versuche erfolglos wieder einzuschlafen, bis die Mama mit den Kindern aussteigt. Kurz freue ich mich, weil ich glaube, das Abteil für die letzten zweieinhalb Stunden der Fahrt für mich allein zu haben. Ich täusche mich.

Ein Mann kommt ins Abteil. Ich habe wieder Kopfhörer drin, wieder interessiert es den Mitreisenden nicht. Der Mann ist älter, so um die 50 schätze ich und fragt mich auf sehr schlechtem Englisch nach Wasser. Ich sage, ich habe keins, was er mir entweder nicht glaubt oder nicht versteht. Er scheint mir Geld anzubieten und macht deutlich, dass er nur einen kleinen Schluck möchte. Ich sage, ich habe wirklich keins, meine Flasche ist leer. Er scheint das zu akzeptieren und fragt mit Hilfe des Google-Übersetzers, ob man im Zug Wasser kaufen kann. Vielleicht, sage ich und dass er mal den Schaffner fragen soll. Wieder bin ich nicht sicher, ob er mich versteht.

Er erklärt mir, dass er Alkoholiker ist und deswegen Wasser braucht. Ich zeige ihm das Bad und wie er den Wasserhahn bedient. Er trinkt und kommt zurück ins Abteil. Er bedankt sich und sagt, ich soll die Polizei nicht rufen, weil er Alkoholiker ist. Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Der polnische Rechtsstaat ist mit Sicherheit kein guter, aber Alkoholismus ist doch keine Straftat, oder? Ich verspreche jedenfalls, die Polizei nicht zu rufen. Vielleicht hat er auch einfach kein Ticket.

Es ist 2 Uhr nachts und ich bin müde, weil ich nicht schlafen kann. Der Mann und sein Zustand tun mir leid. Trotzdem möchte ich mich gerade nicht mit ihm unterhalten, zumal das wegen der Sprachbarriere ohnehin sehr schwierig ist. Er redet trotzdem auf mich ein und zeigt mir auf seinem Handy Bilder von weißen Streifen am Himmel. Er hält das für Chemtrails. Wieder schafft er es, mir mit dem Google-Übersetzer zu artikulieren, was er sagen möchte. 

Als er das mit den Chemtrails erfahren hat und dass die Regierung uns irgendwann alle abschießen wird, hat er angefangen Wodka zu trinken. Deswegen ist er jetzt Alkoholiker. Kurze Zeit später schläft er ein.

Es ist jetzt genau 03:23 Uhr. Ich fahre noch eine knappe Stunde mit diesem Zug und kann einfach nicht einschlafen.


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