Märchenland für alle – Ein Manifest der Diversität

Bunt, divers und modern– das alles haben die ungarischen Märchen, deren Übersetzung als „Märchenland für alle“ vor einigen Monaten in Deutschland erschienen ist, gemeinsam. Die Veröffentlichung des Originals „Meseország mindenkié“ im Herbst 2020 löste in Ungarn politische Kontroversen aus. Doch was unterscheidet diese Erzählungen von klassischen Märchen und welche Auswirkungen hatte die Erscheinung des Buches auf das Leben queerer Menschen in Ungarn?

Von Luisa Hansen
Das „Märchenland für alle“ mit Stolz auf dem Bücherregal unserer Autorin  – Foto: ©Luisa Hansen

‘Niemals hätte ich vermutet, dass mir hier die Liebe lacht. Das ist ja, wie wenn ein Bettler plötzlich reich wird über Nacht!‘ Die zwei Prinzen lachten herzlich Und umarmten sich sehr zärtlich. Wie ich sage, wie ich schreibe: Sie umarmten sich sehr zärtlich.

– Dieser Auszug aus der Erzählung des schwulen Prinzen ist nur eine von vielen weiteren diversen Märchengeschichten des queeren Kinderbuchs „Märchenland für alle“, das im Frühjahr 2022 in Deutschland erschienen ist. Bei der ungarischen Märchensammlung handelt es sich nicht um gewöhnliche, klassische Märchen, sondern um 17 Geschichten unterschiedlicher Autor*innen, die altbekannte Märchen auf eine neue, diversere Weise erzählen. So gibt es neben einer Prinzessin, die nicht heiraten möchte, oder dem Hasen Triodor, der mit drei Ohren auf die Welt kam, zum Beispiel den Rehbock Konor, der mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, obwohl er ein Junge ist.

Die Idee dazu hatte der ungarische Lesbenverband Labrisz. Sie hatten den Wunsch, klassische Geschichten aus einem anderen Blickwinkel neu zu erzählen. Dabei sollte Erfahrungen von heute Raum gegeben werden und Held*innen im Mittelpunkt stehen, mit denen sich Angehörige marginalisierter Gruppen identifizieren und in denen sie sich wiederfinden können. Der Verband hat für die Verfassung der Märchen nicht nur bereits bekannte Autor*innen angefragt, sondern auch einen Schreibwettbewerb für angehende Schriftsteller*innen dafür ins Leben gerufen. Dabei haben sie fast 100 Einsendungen erhalten. Herausgekommen sind schlussendlich unter anderem viele queere und feministische Geschichten, die nicht dem entsprechen, was man sonst so aus Märchen kennt. Fernab von Heteronormativität und Geschlechterklischees hat das Buch das Potential, Sichtbarkeit und Akzeptanz für queere Menschen und Angehörige anderer marginalisierter Gruppen zu schaffen und Kindern diese Lebenswelten aufzuzeigen.

Auf einmal wurden Märchen hochpolitisch

Wenig überraschend gefiel das vielen konservativen Politiker*innen in Ungarn, wo seit Jahren queerfeindliche Politik betrieben wird, nicht gut. Ungarns rechte Politiker*innen empfanden das Buch als schädlich und die rechtsextreme Parlamentsabgeordnete Dóra Dúró sah darin einen „Angriff auf die ungarische Kultur“, wie stern.de berichtete. Sie nahm das als Anlass, ein Exemplar des Buches öffentlich bei einer Pressekonferenz zu schreddern. Die rechtspopulistische Fidesz-Partei rund um Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán bezeichnete das Buch als „homosexuelle Propaganda“. Wenige Monate später im Juni 2021 beschloss das ungarische Parlament einige Gesetzesänderungen, welche als Reaktion auf die Veröffentlichung von „Märchenland für alle“ gelten.

Das Märchenbuch als „Angriff auf die ungarische Kultur“– Die rechtsextreme Parlamentsabgeordnete Dóra Dúró schredderte ein Exemplar öffentlich bei einer Pressekonferenz

Diese Gesetzesänderungen sehen ein strengeres Vorgehen gegenüber pädophilen Kriminellen vor und seien im „Interesse des Kinderschutzes.“ So wurde beschlossen, dass der Zugang zu Inhalten, in denen „Änderungen des Geschlechts sowie Homosexualität vorkommen, popularisiert oder dargestellt werden“, erschwert werden sollte. Außerdem wurde es beispielsweise NGOs verwehrt, Kurse an Schulen unter anderem zu sexueller Aufklärung zu halten. Im Zuge der Änderungen wurde auch der Verkauf von Kinderbüchern eingeschränkt. Bücherläden durften nicht mehr alle Bücher öffentlich auslegen und in einem Umkreis von 200 Metern von Schulen und Kirchen durften bestimmte Bücher gar nicht mehr angeboten werden. Zu diesen Büchern zählten solche, die in den Augen der Regierung für Homosexualität oder Geschlechtsumwandlung werben oder „anstößige“ Abbildungen von Sexualität enthalten. Bücher, die in irgendeiner Form Homosexualität thematisieren, mussten mit einem Verbotshinweis für unter 18-Jährige versehen werden. Queere Filme durften nicht mehr zu Hauptsendezeiten ausgestrahlt werden. Werbespots mit homosexuellen Inhalten wurden sogar ganz verboten. Insgesamt war also seit Juli 2021 jede öffentliche Aufklärung von Kindern zum Thema Homosexualität verboten.

Trotz aller Boykott-Versuche ein Bestseller

Der Herausgeber des Buches Boldizsár Nagy sah in Folge der neuen Gesetze keine andere Möglichkeit mehr für sich und seinen Lebenspartner, als das Land zu verlassen. Trotz aller Boykott-Versuche entwickelte sich das Buch zu einem Besteller und wurde in die „White Ravens“-Liste 2021 aufgenommen. Diese Empfehlungsliste wird jährlich von der internationalen Jugendbibliothek veröffentlicht und umfasst 200 hochwertige internationale Bücher für Kinder und Jugendliche. „Meseország mindenkié“ gibt es mittlerweile in zehn verschiedenen Sprachen. In Deutschland erschien das Buch bei Gruner+Jahr als „Stern“-Buch und ein Euro des Verkaufspreis jedes Exemplars wird an die Stiftung Stern gespendet, welche das Geld an Projekte, die sich für mehr Vielfalt in Ungarn einsetzen, weitergibt. Die Stern-Redaktion hatte laut eigenen Angaben den Wunsch, dem Buch noch mehr Öffentlichkeit zu schenken.

Ein Referendum sollte die Unterstützung beweisen

Das im Juli verabschiedete Gesetz hatte heftige Kritik von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen und auch von der EU zur Folge. Diese bemängelte unter anderem, dass das Gesetz nicht ihren Anforderungen an Rechtsstaatlichkeit entspräche. Orbán hingegen nutzte die Thematik währenddessen für seinen Wahlkampf der im April 2022 anstehenden Parlamentswahl. Er nahm dies als Anlass, um sich die Zustimmung der Bürger*innen Ungarns mithilfe eines Referendums zu holen. Zeitgleich mit der Parlamentswahl wurde also über vier verschiedene Fragen abgestimmt, die mit den im Juni beschlossenen Änderungen, zusammenhängen. Eine der Suggestivfragen lautete zum Beispiel: „Sind Sie dafür, dass Medieninhalte, die Geschlechtsumwandlungen darstellen, Kindern gezeigt werden?“. Orbán hoffte darauf, somit die Unterstützung der ungarischen Bevölkerung zu diesem Gesetz gegenüber seinen Kritiker*innen deutlich zu machen. Verschiedene Gruppierungen und Aktivist*innen riefen zum Boykott der Referenden auf, indem ungültige Stimmen abgegeben werden sollten. Dieses Vorhaben war erfolgreich und keine der vier Referendumsfragen erreichte die notwendige Anzahl von mehr als 50 Prozent der Stimmen. Somit konnte die ungarische queere-Community wenigstens einen kleinen Erfolg feiern.

Ganz erfolglos ging aber auch Orbán trotzdem nicht aus: seine Partei Fidesz konnte sich zusammen mit der der christlich-demokratischen Partei KDNP erneut im Wahlbündnis die absolute Mehrheit der Stimmen sichern und so auch weiterhin das ungarische Parlament mit einer zwei-drittel Mehrheit besetzen.


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