„Das Ideal des mündigen (Medien-)Bürgers“

Das Institut für Publizistik hat einen neuen Juniorprofessor: Herzlich Willkommen, Dr. Leonard Reinecke.

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Die Juniorprofessur mit Schwerpunkt Online-Kommunikation ist seit Februar 2012 wieder besetzt. Im fünften Stock des SBII hat der in Hamburg promovier­te Medienpsychologe Leonard Reinecke über die Zwischenstationen Michigan State University und Mannheim nun ein neues wissenschaftliches Zuhause gefunden. Grund genug, den 29-jähri­gen Senkrechtstarter in seinem Büro zu interviewen. 

Herr Reinecke, haben Sie sich denn schon ein bisschen in Mainz eingelebt, die Stadt oder auch das Nachtleben erkundet? 

Ich bin noch so ein bisschen in der Ori­entierungsphase. Momentan wohne ich noch in Mannheim und werde im Laufe des Jahres nach Mainz übersiedeln. Ich habe mir aber zum Beispiel schon die Altstadt angeschaut und kann sagen, dass die Rheinpromenade in Mainz sehr viel schöner ist als die in Mannheim. Bis jetzt pendle ich zwar meist nur zwi­schen dem Büro und dem Hauptbahnhof, habe aber schon einen ersten Eindruck bekommen und freue mich darauf, den bald zu vertiefen. 

Wenn man wie Sie aus so einer Großstadt wie Hamburg kommt, ist Mainz da nicht ein kleiner Kul­turschock? 

Naja, Hamburg hat das große Problem, dass der Sommer ungefähr zwei Tage lang ist und es ziemlich viel regnet. Hier hingegen habe ich schon festgestellt, dass insgesamt das Wetter deutlich bes­ser ist und das ist natürlich toll, davon bin ich sehr angetan. Klar sind die Städ­te von der Größe her nicht vergleichbar. Aber ich habe jetzt schon in einer Reihe von verschiedenen Städten gelebt und dabei die Erfahrung gemacht, dass es überall nette Menschen und schöne Ecken gibt. Und Mainz hat davon sicher auch eine ganze Menge zu bieten. 

Wie kam es denn dazu, dass Sie nach Mainz gekommen sind? 

Zunächst habe ich 2006 in Hamburg ein Diplom in Psychologie gemacht. Schon während des Studiums und ver­stärkt dann noch während der Arbeit an meiner Doktorarbeit habe ich mich immer sehr für den Schnittbereich aus Medienpsychologie und Kommunikati­onswissenschaft interessiert. In mei­ner aktuellen Forschung beschäftigen ich mich vor allem zwei Bereiche: zum einen ganz klar die Online-Kommuni­kation und da besonders stark Social Media und die Frage, wie Personen bei­spielsweise in Social Network Sites wie Facebook mit privaten Daten umgehen. Mein zweites Standbein ist die Unter­haltungsforschung: Was ist die Faszina­tionskraft von Unterhaltungsmedien? Warum sind Film, TV und Computerspie­le so reizvoll und warum verbringen so viele Menschen einen so großen Teil ihrer Zeit mit Medienunterhaltung? In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit dem positiven Wirkungspotential von Unterhaltungsmedien befasst und bei­spielsweise erforscht, inwiefern diese es erleichtern, sich nach der Arbeit zu erholen, abzuschalten, neue Ressour­cen aufzubauen. Grundsätzlich habe ich mich also schon immer im Schnitt­bereich Medienpsychologie bewegt und in der Kommunikationswissenschaft zu­hause gefühlt. Nach meiner Promotion bin ich im Jahr 2011 an die Universität Mannheim ans Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft gewech­selt und habe dort meine bisherige Forschung fortgesetzt. Parallel dazu habe ich mich im letzten Jahr auf die Juniorprofessur hier in Mainz beworben und dann erfreulicherweise auch den Ruf hierher bekommen. 

Können Sie kurz erklären, was es eigentlich mit einer Juniorprofes­sur auf sich hat? 

Eine Juniorprofessur ist im Grunde ein Nachwuchsmodell. Es ist quasi eine kleine Professur, die einen Schritt in Richtung wissenschaftliche Selbststän­digkeit bedeutet. Das heißt, man hat ähnliche wissenschaftliche Freiheiten wie bei einer Vollprofessur, hat aber gleichzeitig noch eine geringere Anzahl an Semesterwochenstunden im Bereich der Lehre. Die Idee ist praktisch, dass die Juniorprofessorinnen und -profes­soren diesen Karriereschritt nutzen, um sich weiter zu entwickeln, eigene Ressourcen aufzubauen, die eigene Forschung fortzuführen. In maximal sechs Jahren soll man sich dabei für eine „ausgewachsene“ Professur qua­lifizieren. Früher war es in Deutschland so, dass man zwingenderweise eine Ha­bilitation ableisten musste. Unter Um­ständen kann man diesen Schritt jetzt ersetzen und direkt von der Junior- auf die Vollprofessur gelangen. 

Sie haben also zum Thema „Erho­lungseffekte von Unterhaltungs­medien“ promoviert. Welche Unterhaltungsmedien nutzen Sie selbst denn zu Ihrer Erholung? 

Ich bin, ehrlich gesagt, ein ziemlich begeisterter Mediennutzer. Ich schaue eigentlich ein bisschen zu viel fern. Ich genieße es sehr, einfach abends noch ein bisschen vor der Glotze abzuschal­ten. Früher habe ich auch relativ häufig Computerspiele gespielt. Im Prinzip bin ich immer noch begeisterter Nutzer, inzwischen fehlt mir aber meist die Zeit dazu. Generell spielen Medien in meinem Alltag schon eine gewichtige Rolle. Neben klassischen Print-Medien nutze ich auch intensiv Online-Informa­tionsmedien, um auf dem Laufenden zu bleiben. In begrenztem Umfang nutze ich auch Social Media. Natürlich habe ich auch ein eigenes Facebook-Profil, über das ich einen Teil meiner Kommunikati­on laufen lasse. 

Stichwort „Facebook“. Wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie in diesem Bereich forschen? Su­chen Sie sich bestimmte Personen aus und verfolgen, wie viel sie von sich preisgeben? 

An der Uni Hamburg haben wir bei­spielsweise eine Längsschnittstudie zur Facebook-Nutzung gemacht. Dabei ha­ben wir eine Gruppe von Nutzern vier­mal in 18 Monaten zu ihren Erfahrungen, Einstellungen und ihrem Nutzungsver­halten befragt. Und unsere Daten zeig­ten: Je häufiger ich Facebook nutze und je mehr positive Erfahrungen ich dabei mache, desto stärker bin ich auch bereit, Dinge von mir preiszugeben. Außerdem arbeite ich derzeit zusammen mit einem internationalen Forscher-Netzwerk an einer kulturvergleichenden Studie mit Nutzern aus Europa, den USA, Hongkong und China. Es ist absolut spannend, zu erforschen, inwiefern die Kultur Einfluss darauf hat, wie wichtig Menschen ihre Privatsphäre ist, wie viel Sorgen sie sich um ihre privaten Daten machen. In zukünftigen Projekten möchte ich noch mehr darüber erfahren, wie Menschen Facebook in ihren Alltag integrieren. Auch da würde sich ein Blick auf Erho­lungsprozesse und die Interaktion von Facebook mit dem Wohlbefinden der User lohnen. Haben die Inhalte, die ich auf Facebook poste, und die Reaktio­nen, die ich darauf erhalte, Einfluss auf meine Gefühlslage und meinen künfti­gen Umgang mit Facebook? 

Was wollen Sie den Studenten am IfP vermitteln, was haben Sie sich sozusagen auf die Fahne ge­schrieben? 

Generell ist es mir ein Anliegen, meine medienpsychologische und meine kom­munikationswissenschaftliche Expertise zu verbinden und und den Studierenden einen möglichst differenzierten Blick auf Medien zu vermitteln. Mein Ziel ist, ihnen einen Handwerkskasten an methodischen, theoretischen und kon­zeptionellen Bausteinen mitzugeben, um das komplexe Wechselspiel aus Re­zipient, Gesellschaft und Mediensystem verstehen und analysieren zu können. Als Kommunikationswissenschaftler sind wir mit einer Vielzahl spannender Fragestellungen im Schnittbereich von Medien und Gesellschaft konfrontiert und können unsererseits einen Beitrag zum Ideal des mündigen (Medien-)Bür­gers leisten. Wenn es mir also gelingt, die eine oder den anderen von Ihnen für die wissenschaftliche Auseinander­setzung mit Medien zu begeistern, dann wäre ich schon ganz glücklich. 

Herr Reinecke, vielen Dank für das Interview.


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