Klick, klick, Klimakiller

Googlen, skypen, Binge-Watching und wieder googlen. In der Pandemie erreicht der digitale Datenaustausch Rekordmarken. Die Zeit vor dem Bildschirm sorgt zwar nicht für viereckige Augen, aber nachweislich für eine schlechte Klimabilanz. Die Onlinewelt verursacht mehr CO2-Ausstoß als der globale Flugverkehr. Müssen wir nun alle offline sein, um das Klima zu retten?

Jeder Schritt im Internet hinterlässt Spuren und einen CO2-Fußabdruck. Illustration: Helena Burkhardt

Der Maschinenraum, der Weltrekorde bricht, könnte von außen schmuckloser nicht sein. Ein riesiger Betonquader, hin und wieder durchbrochen von einer Glasfassade. Früher lagerten hier Obstkisten und Gemüselieferungen. Nichts deutet von außen darauf hin, dass der Zweckbau im Frankfurter Hafenviertel das Zuhause von zig Millionen Datencodes, Textschnipseln, Bildern und Filmen ist. Selbst Methusalem würde bis zu seinem Lebensende nicht damit fertigwerden, diesen Wust an Informationen zu sichten. Zum Glück muss hier auch kein Mensch die Übersicht behalten. Es reicht, wenn die Maschinen wissen, was sie zu tun haben.

Noch nie wurde so viel gesurft wie im Lockdown

Das Gebäude mit dem kryptischen Namen DE-CIX, in der Langform Deutsche Commercial Internet Exchange, ist der weltweit größte Netzknotenpunkt. Es ist Herz der Digitalisierung. Unvorstellbar große Informationspakete werden hier verwaltet, verpackt und neu berechnet. Hier summt das Internet. Hier sausen tausende Videos pro Sekunde durch die Leitungen. Obwohl das mit dem Summen und Sausen so nicht ganz stimmt. Denn der digitale Datenaustausch lässt sich weder hören, sehen, fühlen noch riechen. Und so ist auch der kürzlich aufgestellte Rekordwert der unbeweglichen und wild blinkenden Server nur schwer zu greifen. Am 20. März meldete der Knotenpunkt einen Datendurchsatz von 9,1 Terabit pro Sekunde. Nie war der Wert höher. Megabit klingt nach mega viel, Gigabit nach gigantisch groß. Und Terabit? 

Holger Berg ist Digital-Experte beim Wuppertal Institut und weil er weiß, wie planlos die abstrakten Zahlen Laien zurücklassen, ist er auch Übersetzer. Ins Analoge übersetzt steht der Datenrekord für rund zwei Milliarden voll beschriebene DIN-A4-Seiten – pro Sekunde. Fast 200 Kilometer würde ein solcher Papierstapel in den Himmel ragen. 

Jede Whatsapp-Nachricht verbraucht Server-Energie 

Je mehr das Leben auf der Straße zum Erliegen kam, desto mehr war auf den digitalen Autobahnen los. Im Lockdown schien sich die Natur vom Raubbau der Menschen zu erholen. In Venedig schimmerte der Grund der Kanäle so kristallklar wie selten zuvor, in Istanbul streckten Delfine an den Hafenbuchten der Metropole ihre Köpfe aus dem Wasser. 

Doch das Bild ist trügerisch. Denn auch der digitale Datentransfer belastet die Umwelt. Zu jeder Whatsapp-Nachricht, zu jeder Streaming-Minute und zu jeder Suchanfrage gehört ein Server, der Strom verbraucht. Viel Strom. Die Rechenzentren werden Tag und Nacht klimatisiert, weil die einzelnen Server Unmengen an Abwärme erzeugen. Allein mit der Strommenge die das DE-CIX in Frankfurt täglich verbraucht, könnte man alle Privathaushalte der Großstadt durchgehend mit Strom versorgen. 

Aus Glasfaserkabeln tropft anders als aus alten Autoauspuffen kein Dieselfilm, sie schieben auch keine Abgaswolke vor sich her und trotzdem ist ihr Anteil am Klimawandel alles andere als unscheinbar. 

Kommt nach der Flugscham die Klickscham?

Wer 30 Minuten Netflix einschaltet, verbraucht so viel CO2 wie auf einer sechs Kilometer langen Autofahrt. 200 Google-Suchanfragen benötigen genauso viel Strom wie ein Hemd zu bügeln. Um den CO2-Fußabdruck durch die Google-Nutzung zu kompensieren, müssten jede Sekunde 23 neue Bäume gepflanzt werden. 

Schon vor Corona produzierte die Internetnutzung mehr CO2 als der gesamte Flugverkehr. Die Digitalisierung treibt die Entwicklung voran, die Pandemie beschleunigt einen unaufhaltsamen Trend. In den vergangenen drei Monaten ist die Datenmenge um insgesamt zehn Prozent gestiegen. Zehn Prozent oder wie IT-Experte Berg übersetzt, die zusätzliche CO2-Belastung eines kleinen Kohlemeilers.

Googlen mit schlechtem Gewissen: 

Um eine Sekunde surfen wiedergutzumachen, müssten 23 Bäume gepflanzt werden. Die Netzkünstlerin Joana Moll macht mit ihrer Animation auf das Problem aufmerksam. Wer vor lauter Bäumen die eigene Umweltbilanz nicht mehr sieht: Moll hat auch einen CO2-Zähler programmiert: Die erschreckende Bilanz zehn Sekunden, nachdem die Seite geöffnet wurde.

Folgt auf die Flugscham jetzt also die Klickscham? Ist die Videokonferenz umweltschädlicher als der Weg zum Meeting mit dem SUV? „Nein!“, sagt Berg, der im Auftrag des Bundesumweltministeriums an einer Studie zum Thema mitgewirkt hat. Nein, sagen auch Umweltexperten. Es gehe nicht darum, die Onlinewelt als KIimakiller zu verteufeln. Vielmehr ließen sich auch digital schon heute viele Abläufe effizienter, ressourcenschonender und damit grüner gestalten. Im März schon drosselten YouTube und Netflix die Streamingqualität. Damit wollten die beiden Medienkonzerne die Netze entlasten und entlasteten indirekt auch die Umwelt. 

Unnötiger Datenmüll belastet Server und Umwelt

Vor zehn Jahren wurden im Internet hauptsächlich Textnachrichten und Musik ausgetauscht, heutzutage besteht die Nutzung zu 75 Prozent aus Videostreaming. Die Informationspakete werden dabei immer größer, weil die Bildauflösung stetig steigt. „Wir produzieren dabei unfassbar viel Datenmüll“, sagt Digital-Experte Berg. Smartphones könnten die hochauflösende 4K-Bildqualität in den seltensten Fällen überhaupt wiedergeben. Und so hätten die wenigsten Nutzer überhaupt bemerkt, dass die Streamingdienste ihre Qualität gedrosselt hatten. „Das ist wie mit einer Glühbirne“ erklärt Berg. Keiner wolle die Zeit zurückdrehen und zurück zu Öllampe und Kerzenschein. „Aber wir sollten die Glühbirne nicht unnötig brennen lassen, sondern auf Effizienz und Langlebigkeit achten.“ 

Zurückübersetzt in die Digitalwelt: Täglich werden millionenfach E-Mails doppelt und dreifach hin und her geschickt oder sekündliche Standortabgleiche zwischen Smartwatches und Smartphones versendet – ein unnötiger Datenmüll. Dabei gibt es schon jetzt einfache Energiespartipps. Bei Videos und Serien ist eine Full HD-Qualität zumeist vollkommen ausreichend. Wer allein Musik hören will, macht das am besten über Streamingdienste wie Spotify oder Soundcloud und nicht über YouTube, wo zusätzlich Videos durch die Welt geschickt werden.

Green IT: Das Internet soll grüner werden

Die Digitalisierung vorantreiben, aber dabei nicht die Umwelt vergessen. Diese Bestrebung hat mittlerweile auch einen Namen: Green IT. Jahr für Jahr bieten immer mehr IT-Dienstleister ihre Beratungsangebote auch für Unternehmen an. Einzelne Start-ups haben schon Technologien entwickelt, die mit der Serverabwärme ganze Gebäude beheizen. 

Auch Nele Kammlott möchte den Mausklick grüner machen. Deshalb hat sie den IT-Dienstleister kaneo gegründet und berät Firmen dabei, digital nachhaltiger zu wirtschaften. Statt sich pausenlos E-Mails hin und her zu senden, sei es oft einfacher, Dokumente für alle einsehbar auf Servern abzulegen, erklärt Kammlott. Cloud-Systeme sind da das Stichwort. Einsparpotenziale schlummerten nahezu in jeder Firma: „Wer einmal digital ausmistet und Abläufe optimiert, kann den Datenaustausch in der Firma oftmals halbieren.“ Und mit ihm: die Energiebelastung der Server. 

Schon vor Corona ist die Nachfrage nach einer umweltbewussten Digitalisierung gestiegen. Als Kammlott sich vor sechs Jahren selbstständig machte, sei sie für ihre Ideen noch schräg angeschaut worden. Green IT? „Wollen Sie hier im Serverraum etwa mehr grüne Pflanzen aufstellen?“ Solche Fragen stellt ihr schon lange niemand mehr. 


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