Kreative Klo-Kritzeleien: Die große Toiletten-Inhaltsanalyse

Die Klowände der JGU sind nur in den seltesten Fällen unbeschrieben. Aber was genau beschäftigt die Studis eigentlich während des Geschäfts? Und gibt es Unterschiede zwischen Geschlecht und Studiengang? Vor 8 Jahren wagten zwei visionäre Autoren eine umfangreiche empirische Untersuchung.

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1. Einleitung


Inschriften auf Toilettenwänden und -türen sind oft Spiegel des gesellschaftlichen Mitteilungsbedürfnisses. Besonders an der Universität ist eine große Diversität gegeben, denn hier gibt es unzählige Toiletten in unterschiedlichen Fakultäten. Aber unterscheiden sich Redseligkeit und Charakter der Kommentare bei den Studierenden verschiedener Fachrichtungen? Bislang liegt zu diesem Thema ausschließlich eine sprachwissenschaftliche Analyse von Toilettensprüchen vor (vgl. Fischer Katrin Universität Köln, Diplomarbeit, 2009); in der Medien- und Kommunikationsforschung ist die freie Meinungsäußerung auf universitären Sanitäreinrichtungen ein weißer Fleck. Hier zeigt sich die drückende Relevanz unseres Forschungsthemas. Die vorliegende Toiletteninhaltsanalyse will aus diesem Grund zur notwendig erscheinenden Klärung dieses Forschungsdefizits beitragen und in einem gewissen Maße Pionierarbeit auf einem bislang wenig beachteten Gebiet leisten.

2. Methode

Für eine saubere Durchführung der Untersuchung der universitären Toiletten eignet sich die Methode der Inhaltsanalyse aus mehreren Gründen. Sie ist als klassisches Instrument der sozialwissenschaftlichen Forschung etabliert und eignet sich zu Analyse großer Textmengen und hoher Fallzahlen. Außerdem sollen Vergleiche zwischen den Toiletten der Universität angestellt werden. Diese können anhand der, aus der Inhaltsanalyse gewonnenen Daten durchgeführt werden. Die Zweideutigkeit einer „Inhaltsanalyse“ im Zusammenhang mit Toiletten entbehrt nicht einer gewissen Ironie; die Begrifflichkeit entspringt allerdings dem Zufall und ist nicht auf die Untersuchung des eigentlichen Inhalts einer Toilette zurückzuführen. Es geht explizit um Inschriften, die auf Toilettenwänden und- türen zu finden sind.

Um den reibungslosen Ablauf der Untersuchung zu garantieren, wurde ein saugfähiges Codebuch erstellt und mehrlagige Codebögen an insgesamt sechs intensiv geschulte Codierer verteil (vier weibliche und zwei männliche). Untersucht wurden die Toiletten in drei Campus-Teilbereichen: Geisteswissenschaften im Philosophicum, Sozialwissenschaften im Sonderbau II (kurz SB II) sowie Wirtschaft und Jura im Gebäude Recht und Wissenschaft (kurz: ReWi). Zusammengefasst ergibt sich eine plakative Unterscheidung zwischen „Später wenig Geld“ (Philosophicum & SBII) und „Später viel Geld“ (ReWi). Selbstverständlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Studierende fachfremde Institute die jeweiligen Toiletten nutzen. Dennoch wird davon ausgegangen, dass die Vielzahl der Veranstaltungen überwiegend fachbezogener Natur sind und die Studierenden daher hauptsächlich ihr Heimatgebäude zum Toilettengang nutzen. Anderes gilt beispielsweise für das ZDV-Gebäude, die Muschel oder die Zentralmensa. Die Einrichtungen werden von allen Studierenden benutzt; eine Untersuchung dort hätte die Stichprobe verwässert. Um die zentrale Forschungsfrage „Was beschäftigt die Menschen während ihres Geschäfts“ valide und reliabel zu analysieren, wurde der Fokus der Untersuchung auf textliche Hinterlassenschaften der ToilettengängerInnen gelegt – auf Kommentare, Karikaturen, Kokolores. Nach eingehender Prüfung bisheriger Vorleistungen (vgl. Fischer 2009) und umfangreichen Pre-Tests wurden verschiedene Hypothesen formuliert und insgesamt zwölf Kategorien abgeleitet. Um das Konstrukt der Toilettenbotschaften zu erfassen, wurden unter anderem Unterschiede in Länge, Thematik und Stil der Beiträge erhoben. Auf die Operationalisierung kann an dieser Stelle aus Platzgründen jedoch nur bedingt eingegangen werden. Als Beispiel soll die Variante „Obszönität” dienen (Auszug aus dem Codebuch):


Obszönität (11)
Hier wird codiert, inwieweit der Beitrag obszön ist. Es wird davon ausgegangen, dass die Mehrzahl der Beiträge ein gewisses Maß an Obszönität aufweist. Es obliegt dem Codierer, eine selbstständige Einschätzung vorzunehmen. Obszön wird dabei wie folgt definiert: „In das Schamsgefühl verletzender Weise auf den Sexual-, Fäkalbereich bezogen; unanständig, schlüpfrig, [moralisch-sittliche] Entrüstung hervorrufend“ (vgl. Duden 2011).

00 keine Angabe
10 obszön
20 nicht obszön


Durch große Sorgfalt bei der Erstellung des Codebuchs und der Schulung der Codierer kann eine größtmögliche Inter- und Intracoderreliabilität erreicht werden. Aufgrund der Vielzahl an stillen Orten musste aus forschugsökonomischen Gründen auf eine Vollerhebung verzichtet werden.
Stattdessen wurde eine Stichprobe gezogen. Innerhalb jedes Untersuchungsgebäudes wurden auf der Damen- sowie der Herrentoilette jeweils 15 Beiträge codiert. Dabei wurde eine Klumpenstichprobe durchgeführt: Untersucht wurde damit nur ein kleiner Teil der Kabinen, doch sind die Merkmalsträger untereinander vergleichbar. Insgesamt wurden so 85 Fälle ermittelt (45 Herren, 40 Damen).


3. Ergebnisse


Bei der Auswertung wurde vor allem auf Gruppenunterschiede geachtet: Geschlecht und Studienrichtung auf der Ebene der abhängigen Vatiablen (AV) , auf Seiten der unabhängigen Variable Thematik, Stil und Länge der Beiträge. Diese drei ausgewählten Variablen sollen im Folgenden detailliert beleuchtet werden.

3.1 Länge der Beiträge
Frauen sind mitteilungsbedürftiger als Männer. Diese wenig überraschende Aussage wird durch die Analyse der Ergebnisse der Variable „Länge der Beiträge“ (V5) empirisch untermauert. Männer halten sich meistens kurz und schreiben in knapp zwei Dritteln aller Fälle nur einen Satz, während Frauen in überwiegender Zahl (52,5 Prozent) deutlich längere Botschaften hinterlassen, wie in Abbildung 1 ersichtlicht wird. Dieser Unterschied ist signifikant. Dies liegt vermutlich an der Unabdingbarkeit der Kabinennutzung bei Frauen sowie der längeren Zeit, die Frauen im Vergleich zu Männern auf der Toilette verbringen. Zwischen den verschiedenen Untersuchungsorten gibt es nur geringe Unterschiede: Lediglich im ReWi zeigt sich im Vergleich eine Tendenz zur kürzeren Kommentierung.

3.2 Stil der Beiträge
Eine ähnliche Tendenz zeigt sich auch bei der Variable „Stil der Beiträge“ (V10). Im ReWi gibt es geschlechterübergreifend die meisten Beiträge, deren Stil als „schlecht“ codiert wurde (40 %). Im SB II gab es im Vergleich nur 10 % stilistisch schlechte, dafür aber mit 36,7 % die meisten guten Beiträge Im Philosphicum wurden beinahe ausschließlich mittelmäßige Beiträge erfasst (72%). Auch geschlechterspezifische Unterschiede lassen sich feststellen: 30% der Frauen verfassten ihre Beiträge in einem guten Stil (Männer: 11%), bei 42,5% war der Stil mittelmäßig (Männer: 46,7%) und lediglich bei 15% schecht (Männer 33,3%).

Thematik der Beiträge
Die interessantesten Ergebnisse finden sich bei der Aufschlüsselung der Themen (V7), von denen die codierten Beiträge handeln. Insgesamt behandelten die meisten Beiträge geschlechterübergreifend den Bereich „Politik“ (20%). Diese Ziffer ist allerdings durch die häufige Bezugnahme auf die Innenministerkonferenz in den Damentoiletten des Philosophicums zurückzuführen. Die zweitmeisten Beiträge behandeln die Thematik „Obszönes/Sex“ (14,1%) gefolgt von den Themen „Uni/Hochschule“, „Sinnfreies/Banales“ und „Fäkalhumor“ (jeweils 10,6%). Zwischen den Geschlechtern dominieren bei den Männern die Themenfelder „Fußball“ sowie „Sinnfreies/Banales“ (jeweils 17,7%). Erwartungsgemäß spielen diese beiden Beriche bei den Frauen keine Rolle; hier weisen die Themen „Politik“ (27,5%) und „Uni/Hochschule“ (17,5%) die höchsten Werte auf. Jedoch ist auch hier von einer Verzerrung auszugehen. Abgesehen von der genannten Störvariablen zeigen sich bei den verscheidenen Untersuchungsorten keine signifikanten Unterschiede. Das am häufigsten vertretene Themenfeld im ReWi war „Obszön/Sex“, dementsprechend sind dort auch die meisten obszönen Beiträge (V11) zu finden. 40% aller Beiträge waren dort als obszön einzustufen. Mit diesen Ergebnissen einher geht die Varialbe „Randgruppenbezug“ (V8). Die meisten Beiträge weisen keinen Bezug zu Randgruppen auf (60%), 22,4 % wurden geschlechterübergreifend als „Sonstige“ codiert. Dies ist zurückzuführen auf die häufigste Bezugnahme auf Fußballfans bei Männern und auf ReWi-Studentinnen bei Frauen.



4. Schlußbetrachtung

Mit der Untersuchung der Toilettenbotschaften auf universitären Aborten wurde versucht, erstmals eine Lücke in der Medien – und Kommunikationswissenschaftlichen Forschung zu schließen. Um letzlich auch extern valide Ergebnisse zu erhalten, müssen auch Toiletteneinrichtungen in den späten Berufsfeldern der Studierenden analysiert werden, etwa in Kanzleien, Schulen oder Redaktionen. Bei letzteren würde sich eine Analyse der BILD-Redaktion aufdrängen. Hier besteht entsprechend weiterer Forschungsbedarf. Als Anregung für weitere Untersuchungen endet diese Schlußbetrachtung mit drei codierten Beispielen aus Toiletten:

„Endgeil, dass ich heute Papas Auto habe“ (ReWi)
„Nur Kepplinger ist weiter rechts als die Wand“ (SB II)
„Morgens vor dem Frühstücken Zähne putzen ist wie Arsch vorm Scheißen Abwischen (SB II)“


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