Das IfP im Visier des Terrorismus

Die Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1986 hat Hans-Martin Kepplinger, viele Jahre Professor am IfP, auch nach 26 Jahren noch genau im Kopf. Damals explodierte eine von Terroristen gebastelte Bombe in seinem Büro und richtet einen enormen Sachschaden an. Für den Publizissimus erinnert er sich im Jahr 2012 noch einmal.

Überschrift in der Allgemeinen Zeitung vom Samstag, dem 18. Oktober 1986

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Veröffentlicht am Kategorien Retrozissimus

Denkt ein Student von heute an das Jahr 1986, so spukt ihm vielleicht Helmut Kohl, Tschernobly oder das vierte Rundfunkurteil im Kopf herum. Die wenigsten dürften sofort an Terrorismus innerhalb Deutschlands denken. Die Gründung der RAF ist damals über 15 Jahre her und der deutsche Herbst liegt knapp 10 Jahre zurück. Un doch erschütterten noch immer Gewalttaten und Anschläge die Bundesrepublik. Etwas das auch Hans Martin Kepplinger schmerzlich erfahren musste.

Entweder Sie kommen oder wir holen Sie

Die Geschichte beginnt mit einem klingelnden Telefon. Es war ein Uhr nachts am 17. Oktober 1986, als es bei Hans-Martin Kepplinger klingelt. Schlaftrunken ging er an den Apparat. Am anderen Ende der Leitung gab sich ein Mann als Polizist aus. Eine Bombe sei in seinem Büro explodiert und er solle sofort kommen. Kepplinger glaubte an einen schlechten Scherz, legte auf. Am nächsten Tag sollte er schließlich mit seiner Frau nach Paris gehen. Wenige Augenblicke später klingelte es erneut, diesmal unmissverständlich: Entweder Sie kommen jetzt oder wir holen Sie. Während er dies 26 Jahre später in seinem Büro erzählt, wirkt er gelassen, fast amüsiert, dass er damals den Beamten beim ersten Anruf nicht für voll genommen hat. Er erzählt weiter, immer noch unaufgeregt aber nun deutlich ernster. Als er  damals am Ort des Geschehens ankam, bot ihm sich ein Bild wie bei einem Filmset. Mehrere Polizeiautos standen um das Gebäude am Jakob-Welder-Weg, Tiefstrahler leuchteten die Szenerie aus. Die metallene Balkonballustrade hing mehr oder weniger in der Luft, die Türen zum Balkon wurden nach außen aus den Angeln gerissen. Im Büro sah es ähnlich verheerend aus. Hier wurden sogar teilweise die ganzen Türrahmen aus den Angeln gefetzt. Ein schwerer Eichenschreibtisch, ein Stück an dem Kepplinger besonders hing, wurde durchs Zimmer geschleudert und war zerbrochen. An den Wänden standen über 100 Leitz-Ordner mit Projektunterlagen, Magisterarbeiten und Ähnlichem. Die Ordner waren übersäht mit einer klebrigen Flüssigkeit. Ein kleiner Trost war da. Dass sich diese nicht – wie geplant – enzündet hatte. Es wäre die Arbeit von 16 Jahren gewesen. Auch zwei Drucke von Andy Warhol, mitgebracht aus San Francisco, wurden beschädigt. Eines hängt noch immer im Institut für Publizistik. Wenn man genau hinschaut, sieht man die kleinen Löcher, die vom Anschlag zeugen.


Vorwurf: Imperialistische Lehre

Dass die Bombe gegen 12 Uhr nachts explodierte, war kein Zufall. „Die haben es nachts gemacht, weil sie in wirklich weder mir noch Noelle persönlich schaden wollten. Das war eine Drohgeste, die wollten uns nicht persönlich töten oder verletzen“, sagt Kepplinger. Ein Verhalten, das typisch für linksextreme Terroristen ist. Terrorexperte Bruce Hoffman von der Georgetown University schrieb 1998, dass Linksterroristen den Gebrauch von Gewalt stark einschränken, um potentielle Unterstützer nicht zu befremden. Auch ginge es den äußersten Linken nicht um den materiellen Wert, der vernichtet wird. Die Gewalt ist „symbolisch“ gemeint. Im Jahr waren die Ziele von Ablegern der Roten Armee Fraktion vor allem Datenzentren. Als Symbol der „versklavten Gesellschaft“. In einem Bekennerschreiben, das bei der Polizei auftauchte, benannten die Täter ein ähnliches Motiv für den Anschlag auf das Institut für Publizistik. Kepplinger und Elizabeth Noelle-Neumann wurde vorgeworfen, sie würde angehende Jorunalisten im Sinne des US-Imperialismus instruieren und ausbilden. Die Arbeit des Instituts für Demoskopie in Allensbach, gegründet von Noelle-Neumann, wurde als einseitig und beeinflussend kritisiert. Zudem würde Kepplinger mit Absicht eine irreführende Darstellung der Pressesituation in Deutschland verbreiten: Er behauptet, es gäbe in Deutschland linke Zeitungen. Im Weltbild der Angreifer sind aber auch Zeitungen wie die links-liberale Frankfurter Rundschau verdeckte Agenten des Großkapitals und Kepplingers Aussagen ein besonders infamer Trick um die Allmacht des Kapitalismus zu verschleiern. Kepplinger kommentiert dies nicht und macht sich auch nicht lustig. Der eigentlich Hintergrund war laut Polizei wohl ein anderer. Es gab kurz vor dem Anschlag eine nicht genehmigte Demostration gegen ein der Treffen der NATO-Planungsgruppe im Hilton Hotel. Bei dieser Demo wurde ein Teil der Demostranten von der Polizei eingekesselt und verhaftet – der sogenannte Mainzer Kessel. „Die Aktion gegen das IfP war im Grunde ein Racheakt für diesen Mainzer Kessel“, erzählt Kepplinger. Es sollte gezeigt werden, dass sich die linksextreme Szene auch von so etwas nicht einschüchtern lässt. „Es ging nicht primär um Noelle oder mich. Das ist die Schilderung der Polizei“. Etwas später: „Natürlich hat man Angst, dass das nächstes Mal anders ist.“


Anklage wurde nie erhoben

Im Anschluss war das Gelände mehrere Tage von der Polizei abgesperrt, die eine Sonderkommission einrichtete. Mit Metalldetektoren wurden Reste von Sprengkörper und Zünder gesucht. Monate später war das Ergebnis da: Die Bombe bestand aus Sprengstoff und einem Zehnliterkanister, gefüllt mit der brennbaren Flüssigkeit, die die Ordner bedeckte. Etwas, das man schon am 18. Oktober 1986 in der Allgemeinen Zeitung lesen konnte. Die Polizei ermittelte auch drei Männer als mögliche Täter. Beweismaterial war unter anderem die Schreibmaschine mit der das Bekennerschreiben geschrieben worden war. Anklage wurde allerdings nie erhoben. Kepplinger erinnert sich: „Mir wurde gesagt, dass die Polizei Fahnungsmethoden offen legen müsse, sobald Anklage erhoben wird.“ Bei einem Sachschaden von 15.000 bis 30.000 DM war dies für die Polizei ein zu hoher Preis.


Trittbrettfahrer bedrohen Kepplinger und seine Familie

Kepplinger hielt sofort wieder Vorlesungen. „Der Großteil der Studierenden war damals schockiert“, sagt er. Die Stimmung am Institut wäre schon davor nicht mehr so aggressiv gewesen, wie es Ende der 70er und Anfang der 80er war. Auch die marxistischen Aktivisten unter den Studierenden versuchten laut ihm kein Kapital aus der Sache zu schlagen, standen dem Anschlag sehr distanziert gegenüber. „Eine hämische Solidarisierung mit den Angreifern habe ich überhaupt nicht bemerkt“. Einmal hat sich ein Student im Tarnuniform, ums Bein ein Bowiemesser geschnallt, angeboten, in Kepplingers Garten zu campen und für seine Sicherheit zu sorgen. Der Professor lehnte dankend ab. Von der Polizei erhielt er das Angebot, einen Waffenschein machen zu können, und anschließend einen Revolver zu tragen. Auch darauf verzichtete er, sagt heute: „Man weiß nie, was man mit so einem Ding für ein Unheil anrichtet. Das wollte ich nicht.“ Mindestens acht Wochen wurde Kepplinger auch Ziel von Trittbrettfahrern. Leute, die Drohungen über das Telefon aussprachen, gegen ihn und seine Familie. Die subjektive Verunsicherung blieb länger als diese acht Wochen. Kepplinger hatte oft bis spät Abends im Institut gearbeitet. Danach ist er nie wieder so lange geblieben. Er traute sich auch nicht mehr, seinen vierjährigen Sohn abends auf der Straße spielen zu lassen.



„Man interpretiert alles vor dem Hintergrund dieses Ereignisses“

Immer wieder kommt es zu Schreckmomenten, die nun Anekdoten sind. Einmal, als Kepplinger sich auf einer Tagung in Berlin befindet, ruft seine Frau spät abends entsetzt an, weil jemand an den Fensterläden rüttelt. Die Polizei wurde benachrichtigt und war bald vor Ort. Was sich dann herausstellt, sorgt heute für ein Schmunzeln: Der Nachbar war verreist und ein Verwandter dieses Nachbarn wollte gucken, ob er bei den Kepplingers, die er auch kannte, noch ein Bierchen bekommen würde. „In dem Moment war das der größte Schrecken. Es hat drei oder vier Polizeiwagen auf den Plan gerufen, die das Haus umstellten und beleuchtet haben. Der arme Teufel wusste gar nicht, wie ihm geschieht.“ Ungefähr ein Jahr wurde das Haus von der Polizei beobachtet. Kepplinger selbst lässt im ganzen Parterre schusssicheres Fensterglas einbauen. „Das gravierendste ist, dass man alles was passiert, vor dem Hintergrund dieses Ereignisses interpretiert. Das ist wie ein Frame.“

Kepplinger würde den Angriff heute als ein letztes Aufbäume des Terrorismus in Deutschland beschreiben. Mit der Öffnung der Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks war es dann vorbei. Was mit den Tätern passiert ist, weiß auch Kepplinger nicht. Ihm wurden die Namen nie gesagt.


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