Die “Mohrenstraße” – 31 Jahre Deutsche Einheit, 30 Jahre Berliner Uneinigkeit

Darf eine Straße den Namen M*****straße tragen? Ist das rassistisch oder historisch zu verstehen? Nach jahrzehntelangem Zaudern benennt der Berliner Senat die M*****straße um. Doch deutschlandweit schmücken weiter die Namen von bekennenden Antisemiten und NS-Funktionären die Straßenschilder – auch in Mainz.

Auch wenn das Jahr 2020 die Welt in vielen Bereichen auf den Kopf gestellt hat, so wird trotzdem jeder mitbekommen haben, dass der Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 eine globale Protestwelle ausgelöst hat, die sich deutlich gegen Themen wie Polizeigewalt und strukturellen Rassismus ausspricht. Die „Black Lives Matter“-Bewegung organisierte viele Demonstrationen, im Zuge derer sich die Menschen gegen Gewaltakte gegen People of Colour einsetzen. Aber wie wir alle wissen kommt Rassismus in vielen Formen. Manchmal beginnt er schon bei einem Straßennamen.

Gedenken oder Umbenennen – oder ist das nicht das Gleiche?

Seit den 1990er Jahren diskutieren Aktivist*innen, Anwohner*innen, Politiker*innen und Kulturexperten*innen über die Umbenennung der M*****straße und der dazugehörigen U-Bahn-Haltestelle in Berlin Mitte. Die Bezeichnung „Mohr“ ist etymologisch gesehen auf das griechische Wort „moror“ zurückzuführen, dessen Bedeutung etwa mit „dumm“ oder „töricht“ zu übersetzen wäre. Es lassen sich aber auch Verbindungen zum lateinischen Wort „maurus“ nachweisen, welches so viel wie „schwarz“, „dunkel“ oder „afrikanisch“ bedeutet. Zwar war das Wort zunächst eine wertfreie Bezeichnung für Menschen außerhalb Europas, wurde aber schnell negativ behaftet, als sich der Begriff „Hofm***“ durchsetzte. Dieser Terminus taucht 1747 erstmals in der deutschen Sprache auf und beschrieb einen „unterwürfigen afrikanischen Diener“. 

Die M*****straße erhielt ihren Namen aber schon früher, nämlich im Jahr 1706. In der damaligen Zeit waren dort ehemalige, freigestellte Sklaven ansässig, nach denen die Straße benannt wurde. In einem Artikel des ZDFs wird aus einem Brief an das Bezirksamt zitiert, in dem es heißt, der Name zeuge “von einer in unserer Gegenwart weiterwirkenden gewaltvollen deutschen und europäischen Kolonialgeschichte” – die in weiten Teilen weder gesellschaftlich noch politisch aufgearbeitet sei. Beispielsweise wurden während der deutschen Kolonialherrschaft circa 10.000 Nama und viermal so viele Herero getötet, was noch lange nicht überall als der Völkermord anerkannt wird, der es war. 

Trotzdem führte die seit dreißig Jahren andauernde Diskussion über die mögliche Umbenennung der M*****straße bis zu diesem Jahr zu keinem Ergebnis. Erst durch die „Black Lives Matter“-Proteste und die dadurch steigende Medienpräsenz, kam die Namensänderung ins Rollen. 

Gedenktafeln statt neuen Straßennamen?

Seit Beginn der Diskussion wurden immer wieder Gegenstimmen laut. Anwohner*innen sagten aus, sie verbänden mit dem Straßennamen ein Heimatgefühl – oder es sei ihnen schlicht zu lästig überall eine neue Adresse anzugeben. Einige von ihnen schlagen vor, von einer Umbenennung abzusehen und stattdessen einige Gedenktafeln aufzuhängen, die über die Kolonialzeit aufklären. 

Menschen, die sich für eine Umbenennung einsetzten, schlugen vor, die Straße nach afrikanischen Aktivist*innen und Freiheitskämpfer*innen zu benennen und zusätzlich durch Gedenktafeln die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialzeit zu fördern. Nur Gedenktafeln aufzuhängen wäre für diese Menschen nicht genug, wenn der diskriminierende Straßenname dann trotzdem noch über allem schwebt. Eine Namensänderung schließt das Gedenken zudem nicht aus, vielmehr erweist sie den versklavten Menschen im Nachhinein Respekt.  Der Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist Joshua Kwesi-Aikins sagte im Gespräch mit Deutschlandfunk: „Im Übrigen ist es fatal, dass gerade in Berlin so etwas verweigert wird. Denn Berlin ist ja die Stadt, in der all die kolonialen Grenzen auf dem afrikanischen Kontinent gezogen wurden.“ Otto von Bismarck hatte 1884 zur „Kongokonferenz“ nach Berlin eingeladen, um dort die Handelsfreiheit in Westafrika zu regeln. 

Schließlich kam es in diesem Jahr, angeregt durch die Black Lives Matter Proteste, zur Umbenennung der Straße und der dazugehörigen U-Bahn-Haltestelle. Die M*****straße soll künftig Anton-Wilhelm-Amo-Straße heißen, benannt nach dem ersten afrikanischen Gelehrten an einer preußischen Universität. 

Kontroverse Straßennamen auch in Mainz?

Auch wenn keine der übrigen achtzehn M*****straßen aus Deutschland in Mainz liegt, gibt es auch hier einige Straßennamen mit historischem Hintergrund, der kritisch zu betrachten ist. Seit 2011 gibt es zu diesem Zweck eine Arbeitsgruppe, welche Straßennamen überprüft, die in Verbindung mit dem politisch-ideologischen Einfluss der nationalsozialistischen Herrschaft im Dritten Reich stehen. Die Arbeitsgruppe setzt sich aus kulturpolitischen Sprecher*innen, externen Historiker*innen, Vertreter*innen des Dezernats für Bauen, Denkmalpflege und Kultur und des Stadtarchivs zusammen. Bis heute haben sie 17 Straßen und Plätze in Mainz anhand ihres eigens dafür ausgearbeiteten Kriterienkatalogs beurteilt. Dieser enthält unter anderem Punkte wie „War die betreffende [namensgebende] Person Mitglied der NSDAP?“, „Hat die betreffende Person einen wesentlichen Beitrag zur Anbahnung, Errichtung und/oder Aufrechterhaltung der NS-Herrschaft geleistet?“ , „Sind Handlungen erkenn- und nachweisbar, die aus heutiger Sicht moralisch und sogar strafrechtlich zu verurteilen sind?“ oder „Hat die betreffende Person zu erkennen gegeben, wie sie nach 1945 zu ihren Äußerungen bzw. Taten in der Zeit des Nationalsozialismus stand?“. (Der vollständige Kriterienkatalog und der Abschlussbericht der AG sind zu finden auf Mainz.de). So wurde beispielsweise die „Poppelreuterstraße“ in der Mainzer Oberstadt im Jahr 2012 umbenannt in „Im Sommergarten“. Poppelreuter war ein antisemitisch eingestellter Arzt, der Hitler bewunderte und selbst Mitglied der NSDAP war. Anders entschieden wurde im Fall der Wernher-von-Braun-Straße, benannt nach dem gleichnamigen Raketenwissenschaftler. Er arbeitete für die NS-Regierung und soll davon gewusst haben, welche Umstände in den Konzentrationslagern herrschten. Er bestritt jedoch vehement von den Morden und Folterungen gewusst zu haben und zeigte in späteren Stellungnahmen Reue. Zitat: „Aber Krieg ist Krieg. […]  Meine Pflicht war, den Krieg gewinnen zu helfen, ob ich nun Sympathie für die Regierung hatte oder nicht. Ich hatte keine.“  Auch wenn es unwahrscheinlich erscheint, dass er wirklich nicht gewusst hat, was in den Konzentrationslagern geschah, wertet die AG seine Reue als wahr und empfiehlt keine Umbenennung der Straße. 

Streitpunkt Hindenburgstraße

Eine Straße, deren Name für gespaltene Meinungen sorgt, ist die Hindenburgstraße in Mainz. 438 Straßen und Plätze in ganz Deutschland wurden nach dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg benannt, der 1933 Adolf Hitler ins Amt des Reichskanzlers erhob. Ob Hindenburg je wirkliche Sympathien für Hitler und dessen Regierung hegte, ist aus historischer Sicht fraglich, dennoch ebnete er so den Weg für die NS-Diktatur, nicht zuletzt durch die von ihm unterzeichnete Notstandsverordnung, welche die Bürgerrechte außer Kraft setzte. Trotzdem empfiehlt die AG hier keine Umbenennung. Anders entschieden wurde beispielsweise in Darmstadt, wo es ebenfalls eine Hindenburgstraße gibt. Außerdem soll hier die Stadt die für Bürger*innen anfallenden Kosten übernehmen, die durch den Namenswechsel entstehen. 

Die Arbeitsgruppe in Mainz hat sich überdies dafür ausgesprochen die Agnes-Miegel-Straße sowie die Pfitznerstraße umzubenennen. Beide waren Anhänger*innen der Hitler-Regierung und bereuten ihre Gesinnung Zeit ihres Lebens nicht.  In den meisten anderen von der AG untersuchten Fällen empfehlen sie keine Namensänderung vorzunehmen, da es sich um von der NS-Regierung instrumentalisierte Menschen handelt, die beispielsweise hochdekorierte Kampfflieger waren. Diese werden von der AG abgegrenzt von Förderern und Profiteuren des NS-Regimes. 

Die Empfehlungen der AG werden zwar in ihrem Abschlussbericht offengelegt und etwaige Straßennamensänderungen werden auch von der Stadt offen kommuniziert. Trotzdem fehlt es noch am Diskurs mit den Mainzer Bürger*innen. Die Ortsbeirätin Clara Wörsdörfer wird in einem bei merkurist.de erschienenem Artikel folgendermaßen zitiert: „Wir glauben, dass es an der Zeit ist, für eine umfassende und von der Bürgerschaft getragene Auseinandersetzung mit nationalsozialistisch und rassistisch motivierter Ehrungskultur in unserem Stadtraum.“ Der Abschlussbericht wirkt also gleichermaßen wie eine Aufforderung an die Mainzer Bürger*innen, sich eingehender mit der Historie und Bedeutung ihrer Straßennamen auseinanderzusetzen.


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