IfP Mainz? „Das ist wie Nachhausekommen“

Corona, Online-Lehre, Remote Work – eine etwas andere Rückkehr zum IfP für Alicia Gilbert. Nach dem Bachelor in Mainz und dem Master in Amsterdam unterstützt sie seit diesem Wintersemester als wissenschaftliche Mitarbeiterin den Lehrstuhl für Medienwirkung und Medienpsychologie. Im Antrittsinterview haben wir mit ihr über ihren Berufsstart, digitalen Stress und Nachhaltigkeit gesprochen.

Foto: Alicia Ernst

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Zum Einstieg: kannst du dein 2020 in vier Worten beschreiben?
Masterabschluss, Isolation, Spaziergang und Telefon – also ziemlich Standard.

„Masterabschluss“ ist ein gutes Stichwort. Du hast dein Masterstudium an der Universität zu Amsterdam absolviert. Was hat dir denn an der Stadt am besten gefallen? Was vermisst du gar nicht?
Am besten gefällt mir die Stadt selbst – also die Architektur, die Farbe der Häuser, wie die Stadt von oben aussieht mit den Kanälen, und dass man alles per Fahrrad erreichen kann. Was ich wirklich nicht vermisse, sind die starken Winde im Herbst, wenn man mit dem Fahrrad eher steht als vorankommt. Das war immer sehr anstrengend. 

In deiner Master-Thesis hast du dich mit digitalem Stress beschäftigt. Zurzeit verbringen wir ja alle viel Zeit vor dem Bildschirm durch das digitale Studium und das Arbeiten im Homeoffice. Auf Basis dessen, was du gelesen und geforscht hast: führt die permanente digitale Kommunikation bei uns zu mehr Stress im Lockdown?
Zusammen mit meiner Betreuerin konnte ich sehen, dass vor allem das permanente Denken an Online-Interaktionen und an Online-Inhalte als stressig empfunden wird. Das bedeutet, wir denken im Alltag daran, was man Person X auf eine Nachricht, die gerade reinkam, antworten könnte. Das beschreibt auch so Gedanken, wie „Ich könnte nochmal schauen, was auf Instagram wieder läuft“. Wir hatten auch geschaut, ob die Pandemie darauf einen Einfluss hat. Wir hatten die Daten am Anfang des Jahres erhoben, als es gerade erst losging mit Covid und haben keine großen Einflüsse gesehen. 

Das klingt erfreulich…
Ja, aber es ist jetzt natürlich auch die Frage, wie sich das im zweiten Teil-Lockdown verändert hat, wo wir schon fast ein Jahr Pandemie hinter uns haben. Da kommt dann ein gewisser Trott in diesen Quarantäne-Lebensstil rein. Aber wie immer in der Kommunikationswissenschaft und in der Medienpsychologie, sind solche Zusammenhänge von Persönlichkeitsfaktoren und situativen Faktoren abhängig, die beeinträchtigen, wie genau die digitalen Medien genutzt werden. Vor allem auch die Smartphone-Nutzung variiert sehr stark zwischen Individuen. Wir haben gesehen, dass es sehr wichtig ist, wie autonom man sich in seiner Nutzung fühlt. Das bedeutet, ob man denkt, dass man eher fremdbestimmt ist von den Zeitplänen anderer oder von den Rhythmen der Medien. Das hat dann sehr großen Einfluss darauf, wie sehr man gestresst ist. 

Für die Zeit außerhalb des Laptops: was tust du zurzeit denn gern, um Ausgleich zu schaffen?
Ich wohne aktuell nicht weit vom Wald entfernt. Das heißt, ich gehe gerne mit meiner Familie im Wald spazieren, versuche auch mitten am Tag eine Art Mittagspausenspaziergang einzubauen. Aber ansonsten merke ich auch, dass es mir guttut, ein wenig in Bewegung zu sein. Auf meine Yogamatte freue ich mich immer. 

Das sind sicher auch Dinge, die dir dabei helfen, beim Start ins Berufsleben einen kühlen Kopf zu bewahren. Wie ist es dir denn generell ergangen, digital am IfP als Mitarbeiterin zu starten?
Einerseits ist es einfacher als gedacht, andererseits wiederum nicht. Ich freue mich schon darauf, wenn wir wieder im Büro sind – das Kollegium, aber vor allem auch die Studierenden noch ein bisschen mehr kennenzulernen. Jeder kennt die Situation, wenn man im Online-Kurs sitzt mit ganz vielen schwarzen Bildschirmen. Wir im Kollegium versuchen sicherzustellen, dass die Studierenden untereinander zumindest ein wenig interagieren können. Dass die Lehre und der Arbeitsablauf so anders sind, treibt einen am meisten um im digitalen Semester. Die Forschungsarbeit bleibt davon relativ unberührt. Wir arbeiten international mit Kolleg*innen an anderen Standorten und das ist dann eigentlich immer digital. 

Du hast dein Bachelorstudium am Institut für Publizistik gemacht. Weswegen hat es dich beruflich zurück nach Mainz verschlagen? Fühlst du dich wohl, wieder hier zu sein?
Auf jeden Fall! Das ist wie Nachhausekommen, nachdem ich jetzt im Master nochmal weg war. Es ist vieles so geblieben, wie ich es schon kannte. Aber es hat sich auch viel verändert. Das Institut hier in Mainz ist ein sehr schöner Standort. Das Kollegium ist ein großes, aber auch ein erfahrenes und ein sehr kollegiales Team. Auch Mainz und die Region gefallen mir gut. Ich komme aus der Nähe, von daher ist das einfach ein Stück Heimat. Es haben auch familiäre Gründe dazu geführt, hierher zu kommen. Aber vor allem ist die Stelle am Lehrstuhl von Leonard Reinecke sehr interessant. Herr Reinecke und ich haben auch schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet. Mit einer der entscheidendsten Punkte war, wieder in seinem Team zu arbeiten.

Uns interessiert auch, warum du dich für die wissenschaftliche Laufbahn entschieden hast. Was genau begeistert dich an Kommunikationswissenschaft?
Ich hatte nicht im ersten Semester schon die Idee, unbedingt die Promotion anzufangen und unbedingt in die Lehre an der Universität zu gehen. Das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Je mehr ich das Fach kennengelernt habe, desto interessanter fand ich auch die empirischen Ansätze und die statistischen Auswertungen von Daten. Die Publizistik bzw. die Kommunikationswissenschaft finde ich spannend, weil sie so interdisziplinär ist. Unser Fach dockt an sehr viele andere Felder an – wie zum Beispiel die Soziologie, die Politikwissenschaft und die Psychologie. Die Psychologie interessiert mich vor allem. Wenn man auf die aktuellen Debatten schaut, sieht man, dass die großen Fragen, die wir uns gerade über Algorithmen, Fake News oder über die Macht sozialer Medien stellen, alles kommunikationswissenschaftliche Themen sind. Hier kann die Kommunikationswissenschaft viel zu gesellschaftlichen Diskussionen beitragen.  

An welchen Forschungsprojekten arbeitest du gerade? 
Also an Stelle Nummer eins steht natürlich die Konzeption des Dissertationsprojektes. Dem werde ich mich Anfang des nächsten Jahres genauer widmen. Mein Kernbereich ist die Medienpsychologie, genauer gesagt, mobile Medien und soziale Netzwerke. Das heißt, ich werde auch noch weiter am digitalen Stress dranbleiben. Hier sehe ich auch eine starke Verknüpfung zu den Fragen, welche Nutzungssituationen und welche situativen Faktoren die Mediennutzung und deren Folgen beeinflussen. Neben digitalem Stress schauen wir uns am Lehrstuhl aber auch positive Folgen der Mediennutzung an, wie zum Beispiel die Inspirationserfahrung auf sozialen Medien. Ansonsten geht es viel um die Themen Selbstregulation, Selbstkontrolle, Autonomie und Bedürfnisbefriedigung.

Für was brennst du abseits der Forschung? 
Privat kreisen aktuell viele meiner Gedanken um Ökologie, Nachhaltigkeit und darum, wie man seinen Lebensstil umweltverträglich umstellen kann. Dabei geht es zum Beispiel um Ernährung, bei der ich versuche, mich persönlich umzustellen, aber auch mit Freunden und Verwandten ab und zu das Thema mal anzureißen. Mein Partner und ich ziehen auch bald um und da schaue ich zum Beispiel, dass ich Sachen gebraucht kaufe oder informiere mich, wo ich meinen Stromvertrag abschließe. Mich interessiert vor allem, welchen Einfluss unser privates Leben auf die Gesamtnachhaltigkeit unserer Gesellschaft hat – da versuche ich persönlich nach zu justieren und Entscheidungen so gut wie möglich zu treffen. 

Du betreibst ja auch mit Freundinnen einen Blog zum Thema „Nachhaltigkeit“: Hast du drei einfache Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Alltag? 
Nachhaltigkeit im Alltag muss gar nicht so schwer sein. Es geht vor allem darum, eine Routine für sich zu finden. Mein erster Tipp wäre, dass man die Sachen benutzt, die man schon zuhause hat. Man kann versuchen, ein anderes Verhältnis zu Dingen zu entwickeln und sich, bevor man etwas Neues kauft, fragen, ob man nicht schon so etwas ähnliches hat. Wenn man etwas wirklich nicht braucht, kann man es verkaufen oder verschenken. Solange etwas noch von Nutzen ist, kann man es noch aufbrauchen. Als zweiten Tipp kann man auch versuchen, mehr Pflanzen zu essen. Indem man eine Mahlzeit pflanzlicher gestaltet, ist schon viel getan – vor allem aus ethischer und Ressourcenperspektive. Die dritte Sache, die ich gerade als Frau nicht so schwer finde – für Männer ist das vielleicht etwas komplizierter – ist, dass ich mir Kleidung gerne in Vintage oder Second-Hand-Läden kaufe. Das macht zum einen viel Spaß und zum anderen ist es auch immer ein schönes Gefühl, wenn man etwas anzieht, was schon eine Vorgeschichte hat. Außerdem ist es wie eine Schatzsuche, sich neue Kleidung beim Durchsuchen zu erarbeiten. Damit kann man den Spaßfaktor an nachhaltigen Änderungen finden und dann geht das auch viel leichter von der Hand, als es klingt.  

Für die Pflanzenliebhaber*innen unter unseren Leser*innen: Was ist deiner Meinung nach die pflegeleichteste Zimmerpflanze?
Das ist auf jeden Fall die Grünlilie. Die mag sehr viel Wasser, man kann sie also quasi nicht zu viel gießen. Sie wächst schnell und ist auch nicht so wählerisch, mit welcher Erde man sie umgibt. Man kann sie schön selbst vermehren, mit Freunden tauschen, und weitergeben. Die Grünlilie mag gerne Licht, sie steht eigentlich an jedem Standort gut, also kann man sie so gut wie nicht töten.   

Wir haben gehört, dass du für dein Seminar „Media Panics”, welches du dieses Semester leitest, eine thematisch passende Playlist erstellt und den Studierenden zum Hören zu Verfügung gestellt hast. Welche Musik hörst du denn gern in deiner Freizeit?  
Ja, die Playlist ist zufällig aus der Musik entstanden, die ich bei der Konzeption des Seminars entdeckt hatte. Die Musik hat gepasst, weil ich Ähnlichkeiten zu den Themen, die wir im Kurs behandeln, erkannt habe. Dabei geht viel in die Richtung Alternative bzw. Independent rein und auf der Playlist ist eigentlich eine gute Mischung daraus – zum Beispiel The 1975 oder Foals. Ich habe auf die Playlist gepackt, was ich selbst auch gerne hören würde. 

Zum Abschluss ein Gedankenexperiment: Nehmen wir einmal an, die Pandemie wäre in absehbarer Zeit vorbei. Wohin würdest du am liebsten reisen?
Das ist eine sehr gute Frage! Also tatsächlich zieht es mich schon wieder in die Niederlande, jetzt wo ich ein paar Monate nicht mehr dort war. Ich würde gerne wieder einfach auf eine Nordseeinsel, ein bisschen Wind spüren, in den Dünen laufen und Eis essen.  

Vielen Dank für das nette Interview!

Die Playlist zum Seminar – Media Panics von Alicia Gilbert

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