Deutschland im Clubhouse-Hype: Was du über die neue Audio-App wissen solltest

Clubbing während einer Pandemie sieht anders aus: Statt Beats gibt es Live-Diskussionen aufs Ohr. Der Einlass – fast so exklusiv wie im Berghain. Mitmachen kann nur, wer ein iPhone hat und eine Einladung erhält. Die App „Clubhouse“ ist in nur wenigen Wochen zum Hype geworden – zu Recht?

Foto: Unsplash/William Krause

Der Hype um die audiobasierte App „Clubhouse“ aus den USA ist nun auch in Deutschland angekommen. In der letzten Woche kletterte sie innerhalb weniger Tage auf Platz Eins der App Store-Charts. Viele Nutzer*innen lieben den Mix aus Podcast und Telefonkonferenz. Wie kaum eine andere App bietet Clubhouse User*innen die Möglichkeit, gefühlt ganz nah dran zu sein an Prominenten, Influencer*innen, Politiker*innen und Gründer*innen. Doch die App erntet auch viele kritische Stimmen. 

Das Prinzip

…ist so einfach wie vielversprechend: keine Videofunktion, keine Kommentare, keine Likes –auf Clubhouse zählt die Stimme. Nutzer*innen können allen öffentlichen, virtuellen Gesprächsräumen („rooms“) beitreten und den Live-Gesprächen lauschen. Zuhörer*innen sind beim Betreten automatisch stumm geschaltet, können aber virtuell die Hand heben und von den Moderator*innen auf die Bühne geholt werden. So können sich Nutzer*innen aktiv an den Gesprächen beteiligen. Alle User*innen können zudem einen neuen Raum starten, in dem sie dann automatisch Moderator*in werden. Jederzeit kann ein Raum unbemerkt verlassen und ein anderer betreten werden. Private Konversation ist in geschlossenen Räumen möglich.

Was den Reiz der App ausmacht? Es entsteht das Gefühl, bei intimen, exklusiven Gesprächen dabei zu sein. Theoretisch kann sich jede*r mit ihrem/seinem Lieblingspromi oder -influencer unterhalten, erfolgreichen Gründer*innen und Expert*innen Fragen stellen oder sich mit Leuten aus derselben Branche vernetzen. Alle Gesprächsrunden finden live statt und lassen sich nicht nachträglich anhören. Das fesselt die User*innen an die App. Die Angst, etwas zu verpassen, ist ständig präsent. Doch nicht nur bei Clubhouse-Nutzer*innen, vor allem bei denjenigen, denen der Zugriff zur App verwehrt bleibt, kann ein starkes Gefühl von FOMO, der „fear of missing out“ entstehen.

Fear of missing out: Wie komme ich in den “Club”? 

Um Clubhouse nutzen zu können, werden zunächst einmal zwei Dinge benötigt: Ein iPhone und eine Einladung. Eine der begehrten „invites“ bekommt man klassischerweise von Freund*innen oder Bekannten, die bereits registriert sind. Wer nicht auf jeden Cent schauen muss, kann sich auch eine Einladung auf Ebay kaufen. Die Angebote vergangene Woche reichten an die 50 Euro. 

Eine günstigere Möglichkeit: die Warteliste. Glücklich kann sich schätzen, wer bereits Kontakte hat, die in der App registriert sind. Diese befreundeten Nutzer*innen werden benachrichtigt, wenn einer ihrer Kontakte auf der Warteliste steht. Sie haben nun die Möglichkeit, die Person freizuschalten. Die künstliche Verknappung trägt sicherlich einen Großteil zum Erfolg der App bei. Darüber hinaus führt das Invite-Only-Konzept dazu, dass bisher überwiegend Menschen aus einer bestimmten Bubble in der App vertreten sind: Leute aus der Tech- und Startup-Szene und bekannte Mediengesichter wie Joko Winterscheidt und Paul Ripke. So waren zu Beginn des Jahres auch die Gesprächsthemen überwiegend von Themen aus diesen Branchen geprägt. Zu den „Early Adopters“ gehörten auch einige Influencer*innen. Fashionbloggerin Caro Daur berichtete in ihrer Instagram-Story, wie süchtig nach der neuen App sie bereits innerhalb des ersten Tages geworden sei. Sie ist nicht die einzige Influencerin, die ihr Clubhouse-Profil in ihrer Story teilte. Schnell sprangen weitere Promis, unter anderem Elyas M’Barek und auch Politiker wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und Digitalministerin Dorothee Bär auf den Trend auf. Das Themenspektrum wird somit zunehmend breiter und reicht von Gesprächen über Nachhaltigkeit mit Luisa Neubauer bis zu Unterhaltungen über Diversität in sozialen Medien oder weibliches Unternehmertum. 

Wie der Hype nach Deutschland kam

Doch wie kam es überhaupt zu dem Boom bei deutschen Nutzer*innen? In den USA gibt es die App schon seit dem Frühjahr 2020. Entwickelt wurde sie von Silicon-Valley-Unternehmer Paul Davison und dem ehemaligen Google-Mitarbeiter Rohan Seth. Bereits im Mai letzten Jahres wurde Clubhouse mit 100 Millionen Dollar bewertet, nachdem Risiko-Investor Andreessen Horowitz zwölf Millionen Dollar in die App investiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt konnte die App nur rund 1500 Nutzer*innen vorweisen, darunter aber schon Weltstars wie Rapper Drake. 

Zu dem rasanten Anstieg deutscher Nutzer*innen trugen sicherlich Philipp Glöckler und Philipp Klöckner vom Podcast „Doppelgänger Tech Talk“ einen Großteil bei. Das Podcast-Duo startete auf Telegram eine Einladungskette nach dem Schneeballprinzip: Sie gaben ihre zwei Einladungen in der Gruppe an ihre Fans weiter. Diese wiederum nutzten ihre Einladungen, um andere Interessenten aus der Community in die App zu holen. Am 16. Januar erwähnte Social Media-Expertin Ann-Katrin Schmitz, auf Instagram bekannt als @himbeersahnetorte, Clubhouse in ihrer Instagram-Story. Sie nannte die App „die heißeste, neueste Social Media App 2021“ und verwies auf die Telegram-Gruppe des „Doppelgänger Tech Talk“-Podcasts. Damit löste sie eine Welle von Anmeldungen in Deutschland aus. Innerhalb weniger Tage tummelten sich bereits zahlreiche Influencer*innen und Prominente auf der neuen Audio-App. Die Räume vergrößerten sich explosionsartig. Thomas Gottschalk moderierte mit Sascha Lobo und Jule Wieler, bekannt als Jule Wasabi, vergangenen Dienstagabend den Gesprächsraum „Was heute wichtig war“. Damit knackten sie als erste die 5000-Teilnehmer*innen-Marke in Deutschland. Mit dieser Größe war das Raumgrößenlimit erreicht und der Raum konnte nicht mehr betreten werden.

Foto: Paula Hoyer

Problematischer Datenschutz

Mit steigender Popularität werden jedoch auch die kritischen Stimmen lauter. Ein häufig genannter Kritikpunkt: der fragwürdige Datenschutz. Nach der Registrierung fordert die App die Nutzer*innen zum Zugriff auf ihr Smartphone-Adressbuch auf. Nur wer das erlaubt, bekommt zwei „invites“ zur Verfügung gestellt. Die Betreiberfirma Alpha Exploration erhält damit Zugriff auf eine gigantische Menge persönlicher Daten – auch von Menschen, die die App selbst nicht installiert haben. Clubhouse erstellt sogenannte Schattenprofile für die Kontakte aus den Adressbüchern der Nutzer*innen. Diese umstrittene Methode stand bereits bei WhatsApp stark in der Kritik.

Datenschützer*innen bemängeln außerdem, dass alle Gespräche aufgezeichnet werden. Clubhouse begründet sein Vorgehen damit, dass so besser gegen Verstöße, etwa rassistische oder sexistische Aussagen, vorgegangen werden könne. Die Mitschnitte werden nach Aussage der Betreiber gelöscht, nachdem die Talk-Runde beendet ist. Falls während des Gesprächs eine Beschwerde eingeht, wird jedoch der gesamte Mitschnitt gespeichert. Peter Schaar, ehemaliger Bundesbeauftragter für Datenschutz, erklärt in einem Interview mit dem Digitalmagazin t3n: „Die Betreiber müssen die Menschen vorab informieren, deren Daten sie verarbeiten: Dass sie überhaupt Daten verarbeiten, zu welchem Zweck sie das tun, wie sie das tun. Da greift der Transparenzgrundsatz des Datenschutzes.“ Auch andere Anwält*innen und Datenschutzexpert*innen zweifeln, ob die App mit der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) vereinbar ist.

Hass, Diskriminierung und Verbreitung rechter Inhalte

Darüber hinaus ist das Netzwerk mehrfach dafür kritisiert worden, zu wenig gegen rassistische und frauenfeindliche Inhalte zu tun. Bisher hält sich die Firma aus der Gesprächsmoderation heraus. Marketing-Expertin Maggie Tyson machte auf Instagram darauf aufmerksam, dass es in den USA bereits Hassräume gegen LGBTQ+, Schwarze, Juden, Muslime und Frauen gebe. In Deutschland ist so etwas noch nicht bekannt. Im Gegenteil: Diversität ist oft Thema der Gesprächsrunden. Die Grünen-Politikerin Aminata Touré twitterte am Samstag, dem 17. Januar: „Fand es gerade sehr schön im Black Talks Germany Room bei #Clubhouse. Auch spannend mal Diskussionen über das Schwarzsein mit anderen Menschen zu führen.“

Doch viele fürchten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Netzwerk auch für die Verbreitung von Hass und Verschwörungstheorien genutzt wird. 

Vor Kurzem kam es in einem Raum zu einer Debatte über „Lügenpresse“ und darüber, wie auf der neuen Plattform mit Menschen aus der rechten Szene umgegangen werden solle. Bei der Diskussion war auch die als rechts eingestufte Influencerin Anabel Schunke beteiligt. Journalistin Anna-Mareike Krause postete daraufhin auf Twitter Screenshots von dem Clubhouse-Talk mit der Überschrift: „Ja, was ist los im Journalismus, wenn die Kolleg*innen hier mit Anabel Schunke reden als wäre nichts?“. Dafür wurde sie unter anderem von Journalist Richard Gutjahr kritisiert, der sie mit einer Gegenfrage konfrontierte: „Findest Du es okay, uns alle hier mit so einem Screenshot an den Pranger zu stellen? Die meisten Deiner Follower*innen müssen denken, wir hätten nicht kritisch mit ihr diskutiert. Gerade Du müsstest doch um die Wirkung eines solchen unfair verkürzten Tweets wissen.“

Anabel Schunke wurde daraufhin vorübergehend gesperrt, hat nun aber wieder Zugang zur Plattform bekommen. Sie kritisierte, dass für sie “einfach ungeprüft das Narrativ der ‚rechten Influencerin‘“ übernommen wurde. 

Die Frage bleibt offen, wie Clubhouse in Zukunft gegen rechte Inhalte und Hetze gegen Minderheiten vorgehen wird. In der App heißt es, es werde bereits an detaillierteren Community-Richtlinien und Sicherheitsvorrichtungen gearbeitet. Darüber hinaus seien Tools geplant, die mehr Inklusion ermöglichen sollen.

Wie es mit der App weitergeht

Man darf nicht vergessen, dass sich die App noch in der Betaphase befindet. Sie ist momentan kostenlos und kommt ohne Werbung aus. Es ist anzunehmen, dass das nicht immer so bleiben wird. Schließlich warten die Investoren auf ihre Rendite, meint der Ökonom Prof. Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen im Gespräch mit der Nachrichten-Website Businessinsider. Er vermutet, dass es in Zukunft Premium-Accounts geben werde, die kostenpflichtig sind oder Zusatzfunktionen haben. 

Die Clubhouse-Betreiber geben an, dass die App nicht dazu konzipiert sei, exklusiv zu bleiben. Die App solle bald für alle zugänglich sein. Die Invite-Only-Strategie solle verhindern, dass die Server durch einen Ansturm zusammenbrechen. Es wird bereits darüber spekuliert, dass es bald auch eine Version für Android geben werde.

Die App trifft den Zeitgeist, das ist klar. Clubhouse gibt den Menschen, wonach sie sich momentan vermutlich am meisten sehnen: intensiven Austausch, das Gefühl von Nähe und die Möglichkeit, neue Kontakte herzustellen. Anders als bei Instagram muss sich bei der App niemand um sein Aussehen Gedanken machen. Gerade jetzt, da sich die meisten Menschen im Homeoffice befinden, ist es komfortabel, dass die Teilnahme an Gesprächen zum Beispiel auch in Jogginghose oder vom Bett aus möglich ist. Ob der Hype auch nach der Coronapandemie anhält, wenn wir wieder analoge Gespräche führen und uns in realen Räumen gemeinsam aufhalten können – darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Wird Clubhouse den klassischen Podcasts Konkurrenz machen? Das hängt wohl auch davon ab, ob Prominente die Plattform weiterhin nutzen und ob neue Influencer*innen aus der App hervorgehen. Schon wird darüber gemunkelt, dass andere Apps die Idee des Drop-in Audio-Chats kopieren könnten – das könnte dazu führen, dass der Ansturm auf die App nachlässt.

Die Hosts des „Doppelgänger“-Podcast glauben nicht, dass der Hype, den sie hierzulande ausgelöst haben, so schnell vorbei ist. „Die Aufmerksamkeit von Nutzern zu binden, schafft gerade keine App so zuverlässig – und in diesem Ausmaß von vier, fünf Stunden am Tag – wie Clubhouse“, meint Philipp Klöckner. Sein Podcastkollege Philipp Glöckler wagt sogar die Prognose: „Ich glaube, dass Clubhouse ‚das‘ Netzwerk für 2021 wird.“ 


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