Die stilvolle Spießigkeit: Sophie Passmann und die karamellisierte Wallnusspizza auf dem Altbaubalkon

Altbauwohnung, Avocado-Brote und die Angst vorm Erben: In Komplett Gänsehaut führt Bestseller-Autorin Sophie Passmann die Leser*innen durch die absurde Welt derer, die zwar alles haben, aber mit den eigenen Privilegien schier überfordert scheinen. In langen Sätzen beschreibt sie das Milieu der “woken” Mittelschichts-Millennials, die in allen Lebenslagen den Drang haben, sich durch überzogene Selbstdarstellung von ihren Mitmenschen abzugrenzen – aber in Wahrheit genauso spießig sind wie alle anderen auch. Komplett Gänsehaut ist die Art von Milieustudie, von der man sich ertappt und ein bisschen verstanden fühlt.

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Credits: Anja Jeitner

Sophie Passmann erklärt zu Beginn des Buches, wie überbewertet es sei, mit 27 zu sterben, so wie Jimmy Hendrix oder Janis Joplin, die sich dank Überdosis ihren Platz im berüchtigten „Club 27“ gesichert haben. Die Personen in ihrem Buch verfolgen weniger den „Verschwende deine Jugend“-Lebensstil; hier bemüht sich niemand, ebenfalls Teil des „Club 27” zu werden. Eher geht es darum, sich in allen Lebenslagen und -situationen möglichst gut selbst zu inszenieren. Sie, die deutsche Mittelschicht, am Ende ihrer Zwanziger und vor solch wegweisenden Entscheidungen, wie der, ob sie jetzt den teuren oder den nicht ganz so teuren Risottoreis kaufen. Zugegeben: Beim Lesen werden sich wohl die ein oder anderen Studierenden, die „irgendwas mit Medien” machen, ertappt fühlen und wahrscheinlich auch einige ihrer Kommiliton*innen wiedererkennen.

Selbstdarstellung im geschlossenen Raum

Der erste Eindruck beim Lesen ist direkt der: Es geht viel um Selbstdarstellung. Sehr viel. Aber diese beschränkt sich nicht etwa nur auf die Selbstdarstellung im Internet, die sonst so gerne diskutiert wird, sondern zieht sich durch das Leben abseits Sozialer Medien: Kleidung, Essen und vor allem durch die Wohnung. In Komplett Gänsehaut begleitet man die Erzählerin durch ihre Altbauwohnung, in der natürlich ein Plattenspieler steht und alle nennenswerten (dafür mal mehr und mal weniger lesenswerten) Klassiker das Bücherregal zieren. Man sitzt mit ihr und ihren Freund*innen beim Abendessen, bei denen sich die Gesprächsthemen um Hoodies mit Europa-Sternen und Geflüchtete drehen, wobei die Anwesenden „sehr betroffen gucken“ und besagte Hoodies doch „irgendwie problematisch” finden – Debatten, die in dieser Art von Freundeskreis schon hundertmal geführt wurden. Klar: Auch hier ist nicht die Diskussion direkt von Bedeutung, sondern die Meinung der Anwesenden dazu.

Anders als beispielsweise die „Generation Fridays For Future” scheint es nicht wichtig zu sein zu handeln, sondern die eigene Meinung zu gesellschaftskritischen oder politischen Themen möglichst publikumswirksam zu äußern. In allen Lebenslagen geht es ihnen ständig darum, wer man sein möchte: ob auf dem Balkon stilvoll Avocado-löffelnd oder nachdenklich nickend bei Lesungen. 

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„Selbstdarstellung in geschlossenen Räumen, in die ohnehin nur die Menschen kommen, denen man öfter begegnet, ist so tüchtig, dass man es durchgehen lassen darf, weil es schon wieder eine ganz eigene Stufe von Profilneurose ist.“

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„Alle Simba”

Wer sind jetzt eigentlich genau diese Leute, an denen in Komplett Gänsehaut kaum ein gutes Haar gelassen wird? Es sind wahrscheinlich die, denen von Anfang an eh die meisten Türen offen stehen, inklusive der Türen teurer Altbauwohnungen (auf gut Deutsch: Akademiker*innen-Kinder); ihr Leben „ein einziges König der Löwen, das wird alles mal Dir gehören. Alle Simba“. Ihre Welt ist die des Self-Care, der Body Positivity und der Political Correctness, wobei letztere von „Männern, die auch Kurt Vonnegut mögen, die Fight Club für einen besonderen Film halten, die vor Kneipen stehen, einem beim Rauchen an die Schulter fassen und erzählen, wieso sie sich jetzt doch dagegen entschieden haben, in ihrer Bachelor-Arbeit zu gendern“ vor besagten Kneipen gerne auch mal außer Acht gelassen wird. Eine Welt, in der es mit Ende 20 noch möglich ist, das dritte Studium abzubrechen oder mit dem Rucksack nach Bali zu reisen, ohne als Versager*in gesehen zu werden.

Der Plattenspieler darf natürlich nicht fehlen – Credits: Anja Jeitner

Geld scheint in ihrer Welt eine eher untergeordnete Rolle zu spielen, außer wenn es darum geht, sich bei einem gediegenen Vino-Abend mal wieder ganz gediegen über den Kapitalismus aufzuregen oder Angst vorm Erben zu haben, weil das nach zu viel Papierkram klingt. An die Leute, die den Vino und den teuren und nicht so teuren Risottoreis für ihre Vino-Abende ins Regal räumen, denken sie eher weniger und wenn, dann würden sie wahrscheinlich weinglasschwenkend betonen, wie wichtig es sei, dass es auch Leute gibt, die solche Jobs machen. Nur sie nicht, denn „ab einem gewissen Jahreseinkommen wird Schweiß nur noch getupft“. In langen Sätzen lässt sich Sophie Passmann oft ohne Punkt und Komma über die Personen in ihrem Umfeld aus und entzaubert diese Welt, in der jede*r schön, schlau und eine „besondere Schneeflocke“ ist, gewissermaßen.

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„(…) am Ende ging es wieder nur um Fickbarkeit und darum, schön zu sein, jetzt war halt nicht mehr nur Kate Moss schön, sondern quasi jede Frau, und das tat wirklich nichts für das Konzept von Schönheit“

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Im Grunde Spießer

Die Personen, die Sophie Passmann so ausführlich beschreibt, haben nur dann Spaß, wenn es angebracht ist. Selektives Vergnügen, etwa bei Weinproben oder in kultigen Kneipen, aber nicht in richtigen Kneipen, in denen richtige Alkoholiker*innen ihr Unwesen treiben, sondern nur Ihresgleichen. Spaß zu haben hat halt oft keinen Sinn, „weil Nachdenklichkeit eben immer belohnt wird, mit der Illusion von Tiefsinnigkeit. Dabei ist Spaß viel schwieriger“. Natürlich: Spaß muss inszeniert sein und vor allem zu dem Bild von sich selbst passen, was man der Außenwelt präsentieren will.

Credits: Anja Jeitner

Nicht, dass man noch aus Versehen mit den falschen Sachen Spaß hat. Sie wollen anders sein als ihre Eltern, aber sind es nicht – trotz finanzieller Unterstützung, geisteswissenschaftlichem Studium und Thomas Manns Zauberberg im Regal. Sie, die „sich ein Studium finanzieren […] lassen von den eigenen Eltern, nur um sich danach so viel schlauer zu fühlen als sie“.

Komplett Gänsehaut lässt einen mit dem Eindruck eines absurden Lebensstils derer zurück, die eigentlich alles haben und gerade von der Auswahl dieser Privilegien und Möglichkeiten schlichtweg überfordert scheinen. In ihrem Leben reden zwar alle viel und gerne, es werden gesellschaftlich relevante Themen diskutiert, aber unternehmen will so richtig niemand etwas. Die “echten” Probleme sind schlicht zu groß; sie haben nie gelernt, wirklich anzupacken – dann doch lieber weiter so tun, als ob und sich durch überzogene Selbstdarstellung von anderen abgrenzen.  Letztendlich wissen sie mit Ende 20 noch immer nicht so ganz, was sie denn jetzt mit ihrer Zeit anfangen sollen und haben Angst, auf dem falschen Weg zu sein. Und dabei haben sie so wenige Sorgen und so viel Zeit, dass das eigene Ego zur Hauptbeschäftigung wird und sich über scheinbar belanglose Dinge wie Risottoreis, Wein und ihre Plattensammlung definiert. Sie haben den Ruf, einen anderen Lifestyle, andere Beziehungen zu führen als ihre Eltern, dabei sind sie „die letzten Spießer, die es vielleicht geben wird“. Harte Worte, aber im Grunde wahr. Im Grunde sind sie nur Spießer. 

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Credits: Flickr/Jan Zappner/re:publica/CC BY-SA 2.0


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