Merkurist – Lokales trifft Banales

Mit einem Konzept zum Mitmachen versucht der Merkurist, den Lokaljournalismus für junge Menschen attraktiver zu machen. Die Intention dahinter und warum der neue Investor Matthias Willenbacher weiter an das Medium glaubt.

Startseite des Merkurists ist auf einem Tablet geöffnet. Schlagzeile lautet Hochwasser in Mainz
Credits: Jonas Pospech

Lokaljournalismus mal anders: Der Merkurist ist ein lokales Medium in Mainz und Wiesbaden, zwei Monate war er verschwunden. Nun ist er dank Unterstützung des Unternehmers Matthias Willenbacher wieder da.

Das Lokalmedium hat sich ein modernes Konzept überlegt: User können via „Snips“ Themen vorschlagen und voten, über was recherchiert und berichtet werden soll. Die Themen mit den meisten „o-ha!s“ werden dann von den Redakteur*innen bearbeitet. Der Merkurist informiert seine Leser*innen ausschließlich online – auf der eigenen Website und über Social-Media-Kanäle. Und dazu kostenlos. Damit spricht er besonders die junge Generation an.

Viele Seitenaufrufe, aber rote Zahlen

Das scheint auch zu funktionieren. 45.000 Visits pro Tag sprechen dafür, dass das Lokalmedium gut ankommt. Die überraschende Nachricht vom Aus des Portals zeigt jedoch, dass sich das Konzept finanziell nicht rechnet. Im Spätherbst war der Merkurist vorübergehend von der Bildfläche verschwunden, weil er mehr und mehr zu einem unrentablen Zuschussgeschäft für alle Beteiligten wurde.

Wir haben uns gefragt, ob mit diesem Konzept die für die Bevölkerung wichtigsten Nachrichten auch Gehör finden oder ob nur über Banalitäten berichtet wird. Ist das Konzept wirklich eine Alternative und wie kommt es an?

Dazu haben wir den Chefredakteur Ralf Keinath und die Redakteurin Michelle Sensel befragt. Auf Grund von Corona steht auch hier noch alles Kopf. Homeoffice, nicht genutzte renovierte Büroräume und sporadische Treffen mit Kolleg*innen. Denn Treffen sind auch bei reinen Online-Medien noch entscheidend; etwa die Hälfte der Themen schlägt die Redaktion selbst vor und sichert somit, dass die Leser*innen ausreichend über das Geschehen in ihrer Region informiert werden. Die Artikel befassen sich also nicht nur mit Banalitäten, sondern mit allem, was die Mainzer*innen wissen sollten.

Klicks bestimmen Relevanz

Mit diesem Mix aus „Snip“-System und traditioneller Redaktionsarbeit wird ein Konzept vorgestellt, das besonders leserfreundlich sein soll.

Den alten Algorithmus, der die Startseite nach dem persönlichen Interesse der Leser*innen aufbaute, gibt es nicht mehr. Die Startseite sieht für alle gleich aus. Die Artikel selbst sind aber nach Relevanz angeordnet. Jeder Bericht startet auf Position eins, die meist geklickten bleiben oben. Die Redakteur*innen haben im Normalfall keinen Einfluss auf die Positionierung. Artikel über besonders wichtige Themen können sie an einer bestimmten Position „festpinnen“; das ist aber der Ausnahmefall. Ralf Keinath argumentiert: „Nach unserer Erfahrung wird ein Artikel, der nur wenige Leser interessiert, nicht dadurch mehr gelesen, dass man ihn anpreist“.

Dadurch entscheidet nicht die Redaktion über die Relevanz der Themen, sondern Klicks. Eine gedruckte Tageszeitung dagegen sortiert ihre Artikel selbst nach Relevanz. Hier entscheiden die Redakteur*innen, beim Merkurist die User.

Der Merkurist ist kein „Vollversorger“

Das Internet hat keine begrenzten Seiten, trotzdem versteht sich der Merkurist nicht als „Vollversorger“, der alle Themengebiete vollständig abdeckt. Stattdessen möchte er durch die interaktiven Elemente die Leser*innen mitbestimmen lassen. Somit will das Onlinemedium möglichst viele Menschen erreichen und Themen behandeln, die die Menschen vor Ort auch tatsächlich interessieren. Er erlaubt, Fragen zu stellen, weiterzudenken und Anregungen einzubringen.

In Zukunft erhoffen sie sich, ihr fünfköpfiges Team erweitern zu können, um eine größere Themenvielfalt zu erreichen und mehr in die Tiefe gehen zu können.

Rückkehr dank neuen Investors

Über Werbeanzeigen, gesponserte Artikel und Investoren hielt sich die Redaktion über Wasser. Gerade deswegen gingen sie während Corona unter. Viele Anzeigekunden hatten selbst eingeschränkte finanzielle Mittel. Dazu kam, dass die Verlagsgruppe Rhein-Main (kurz VRM) als Investor abgesprungen ist, da der Merkurist auf Dauer ein Verlustgeschäft war. Am 13. November 2020 verabschiedete sich der Merkurist mit einem letzten Artikel. Der Vertriebsleiter Frank Georg zeigte Initiative und fragte Matthias Willenbacher als Investor an. Willenbacher ist in der Region verwurzelt und hat sich als Ökostrom-Unternehmer einen Namen gemacht.  Mit der Juwi AG gründete er einen weltweit agierenden Projektentwickler von Erneuerbare-Energie-​Anlagen. Da Willenbacher schon immer großer Fan des journalistischen Konzepts des Merkurists war, sicherte er seine Unterstützung zu. Auch wenn er damit nicht das große Geld machen wird, er glaubt an das Potential. Lokale Medien tragen dazu bei, die Politik zu kontrollieren und zu kritisieren. Mehr Lokaljournalismus in einer Stadt bietet eine größere Meinungsvielfalt und eine breitere Informationsdichte.

Daraufhin konnte die Redaktion zwei Monate später, am 18. Januar diesen Jahres, wieder loslegen. Die fehlende finanzielle Unabhängigkeit des Merkurists ist wohl die größte Schwäche des Mediums.


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