Stuck in front of the screen

Digitales Lernen ist nach drei Semestern längst keine Neuheit mehr. Die Pandemie bedingten Maßnahmen zwingen uns den Großteil unseres Lebens in sie Online-Sphäre zu verlegen. So auch soziale Kontakte. Doch wie wirkt sich das auf uns aus? Auf unsere Kontaktpflege? Auf unser Wohlbefinden? Ist das Internet wirklich ein Segen im Lockdown, oder birgt es doch mehr Nachteile als wir denken?

Credits: Unsplash/Victoria Heath

April 2021, Montag, es ist 8.30 Uhr, 9.30 Uhr, 10 Uhr, der Wecker klingelt. Ich schaue kurz drauf und drehe mich wieder um. Das neue Semester hat begonnen… Aber irgendwie auch nicht. Nach dem vorangegangenen Corona-Semester sollte dieses doch eigentlich besser werden. Immerhin weiß man was einen erwartet, doch so ganz kann ich mich nicht einmal motivieren, jeden Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit zu beginnen. 

Irgendwann gegen Vormittag rollt man sich der*die gemeine Student*in tatsächlich mal aus dem Bett. So sitze ich am Tisch und stopfe mir bei der nächsten aufgezeichneten Vorlesung mein – inzwischen nicht mehr ganz so frühes – Frühstück rein, schaue doch noch die eine oder andere Netflix-Folge zu viel und warte. Warten auf das Ende vom nächsten Teil-Lockdown, das nächste Treffen mit Freunden und irgendwann vielleicht die erlösende Impfung? Aber bis dahin dauert es. 

Auch die Zeit vor dem Bildschirm zieht sich in die Länge und nach den 6 Stunden intensives auf den Bildschirm starren, ist die Motivation, sich abends mit seinen Freunden im Videocall zu treffen, auch nicht mehr die Größte. Was stand heute noch mal im Kalender? Ach ja, Among us spielen. Mit den alten Klassenkameraden. Immerhin ist es ja schon Donnerstag und die Woche bald rum. 

Ob ich im Moment mehr Zeit vor einem Bildschirm verbringe? Vermutlich… Ok, ziemlich sicher.  

Aber das gehört im Moment zu meinem Alltag. Also schalte ich den Computer wieder an und bin gerade noch pünktlich für mein nächstes Seminar. Thema: Medienwirkung. Die Fachbegriffe fliegen mir nur so um die Ohren, von Displacement Theory bis hin zu digitalem Wohlbefinden. Doch diesmal rütteln sie mich wach, denn seit Monaten bemerke ich ihre Auswirkungen am eigenen Leib. 

ZU VIEL DES GUTEN?

Aber ist das wirklich alles so schlimm? Klar sehe ich meine Freunde immer weniger, aber wir chatten ja immer noch. Wenn ich so drüber nachdenke, rede ich wirklich weniger mit anderen Leuten. Und Sport mache ich auch nicht wirklich, wie denn? Sportstudios und Hallen sind zu und Mannschaftstraining darf man auch nicht machen. Aber ist das denn gefährlich? 

Werden wir dadurch einsamer? Schadet es unserer Lebensqualität und unserem Wohlbefinden? Oder sind die Medien in Zeiten von sozialer Isolation doch ein willkommenes Tool, um soziale Kontakte aufrecht zu erhalten?

Mit all diesen Fragen beschäftigt sich die Kommunikationswissenschaft gerade in dieser Zeit intensiv. Klar ist: Sozialer Kontakt ein einflussreicher Faktor gegen Stress und gut für die mentale Gesundheit. Gerade in unsicheren Zeiten sind soziale Kontakte wichtig, um Ängsten entgegenzuwirken. Immer mehr Studien zeigen dabei, dass soziale Netzwerke, wie zum Beispiel Facebook, sich positiv auf die soziale Interaktion auswirken. Der Grund: In der so genannten Computer Mediated Communication (CMC), ist man nicht an Zeit und Ort gebunden. Über Apps wie WhatsApp oder Skype kann ich quasi immer und überall mit Freund*innen kommunizieren. Kombiniert mit den heutigen Möglichkeiten des Online-Unterrichts, sodass auch die Bildung trotz Pandemie weiter gefördert wird, scheint das Internet ein Lichtblick in der Dunkelheit zu sein.

Eine internationale Studie von Geirdal et al. (2021) zeigt allerdings auch, dass zu viel Mediennutzung in Pandemie-Zeiten schädlich ist. Für die Studie wurden Fragebögen in Norwegen, den USA, Großbritannien und Australien versendet. Sie sollten erfassen, inwiefern sich hohe Mediennutzung auf die mentale Gesundheit auswirkt. Die Daten zeigen, dass Teilnehmende, die mehrmals täglich soziale Medien nutzen, sich generell einsamer fühlen und geringere Lebensqualität empfinden als Teilnehmende, die nur einmal täglich oder seltener soziale Medien nutzen. Die emotionale Belastung durch die Pandemie und den Lockdown kann also durch hohe Mediennutzung verstärkt werden. Schließlich habe ich nach einem ganzen Tag voller Online-Vorlesungen, Seminaren und Gruppen-Calls auch keine Lust mehr, noch weiter vor dem Bildschirm zu sitzen, um mit Freund*innen zu chatten.

Außerdem sehe ich, egal wo ich auch hinschaue, nur Meldungen und Kommentare zur Corona-Krise. Als gäbe es im Leben nichts anderes. Auch weitere Studien, deren Schwerpunkt weniger auf der mediatisierten Kommunikation, sondern mehr auf der Informationsverbreitung in den Sozialen Medien lag, bestätigen das. Die ständige Erinnerung an die derzeitige, ungewisse Lage, sowie zahlreiche Fake News und Missverständnisse, die im Internet kursieren sorgen für mehr Angst und erhöhen das Risiko für Depressionen. Fazit also, Pandemie + hohe Mediennutzung = kein guter Match, richtig? In der empirischen Forschung ist das aber alles nicht so einfach. 

GUTE FRAGE, KEINE KLARE ANTWORT

Selbst unter den Besten Bedingungen sind Erkenntnisse über die Auswirkungen von Medienkonsum mit Vorsicht zu genießen. Stellen wir uns einmal vor, es wäre möglich, eine Gruppe von Menschen anzutreffen, die noch keinerlei Erfahrung mit Computern, Internet und Handys hätten, und diese vom ersten Tag des neuerlichen Konsums zu begleiten. Auf diese Weise könnte man Veränderungen im alltäglichen Wohlbefinden viel einfacher auf den plötzlichen Medienkonsum zurückführen.

Was für uns heute ein Traum bleibt, war für Kraut und sein Team 1998 noch in greifbarer Ferne. Als Teil der Studie, die später unter dem Titel “Internet Paradox” veröffentlicht wurde, kontaktierten Kraut und seine Mitforschenden Familien in Pittsburgh, Pennsylvania, die noch keinen Internetanschluss und Heimcomputer besaßen. Stimmten die Auserwählten einer periodischen Befragung über die nächsten zwei Jahre zu, wurden ihnen genau diese Geräte und Zugänge zur Verfügung gestellt. Wer würde da schon ablehnen?

Nach Abschluss der Untersuchung sorgte die Veröffentlichung des Papers für große Aufregung in der wissenschaftlichen Landschaft. Kraut und sein Team stellten abschließend fest, dass das Leben mit den neuen Technologien zu höherer Einsamkeit sowie höherer Depression führte. Anders als es den Wissenschaftler*innen damals möglich war, möchte ich diese Aussage aber sofort wieder revidieren, denn: Selbst unter den, wie oben beschriebenen “idealen” Bedingungen konnten die Besorgniserregenden Erkenntnisse zu großen Teilen auf unzureichende Skalen und Filter zurückgeführt werden. In einer zweiten und verbesserten Studie kommt Kraut 2002 zu dem konträren Ergebnis, dass der Internetkonsum sogar mit positiven Veränderungen in Verbindung gebracht werden muss.  

Die Messschwierigkeiten haben sich seither in diesem Bereich vervielfacht, da eine Trennung von Internetkonsum und Alltag gar nicht mehr möglich ist. Selbst bei meinem erhöhten Konsum durch Corona könnte ich mir etwa folgende Fragen stellen: sind negative Effekte auf meine Psyche tatsächlich auf den höheren Internetkonsum zurückzuführen – oder vielleicht auf die negativen Nachrichten, die über diese Kanäle in Zusammenhang mit Corona konsumiere? Abschließend kann nur gesagt werden, dass viele psychologische Effekte im Zusammenhang mit der Coronakrise momentan zwar analysiert werden, andere Effekte hingegen erst untersucht werden können, sobald die Krise überwunden ist. 

Obwohl mir bewusst ist, dass ich zu viel Zeit am Computer oder im Internet allgemein verbringe und dies wahrscheinlich meinem psychischen Wohlbefinden schaden könnte, ist es kaum möglich meine Bildschirmzeit zu reduzieren. Ob für Uniaufgaben oder für Skype-Anrufe mit meinen Freunden; auf den Computer zu verzichten ist nicht wirklich möglich. Aus diesem Grund ist es wichtig zu lernen, wie man mit dieser Ausnahmesituation umgeht.  

ENTSCHEIDEND: DER RICHTIGE UMGANG

Drei Techniken, können dabei helfen, einige der negativen Auswirkungen zu vermeiden, die mit der übermäßigen Nutzung des Bildschirms während der Pandemie verbunden sind. Erstens können wir lernen, unsere Tage zu strukturieren. Auch wenn es in vielen Fällen nicht möglich ist, die Routine beizubehalten, die wir vor der Pandemie hatten, ist es wichtig, eine neue Art zu überdenken, um ordentlich und aktiv zu bleiben. Kleine Veränderungen wie jeden Tag zur gleichen Zeit aufzustehen und ins Bett zu gehen, feste Mahlzeitenzeiten zu haben und von Pizza und Pasta auf gesündere Lebensmittel umzusteigen, können uns davor bewahren, in Depressionen oder Hoffnungslosigkeit zu verfallen.

Zweitens ist es trotz der Tatsache, dass die meisten Interaktionen heutzutage über einen Bildschirm stattfinden, unerlässlich, zwischen Freizeit, Arbeit und Studium zu differenzieren – wie wäre es, nach einer Vorlesung einen Kollegen anzurufen, um einen Kaffee zu trinken, während man sich über Skype austauscht? Und zu guter Letzt schadet es nie, aktiv zu bleiben – wie wäre es, wenn du, statt einer weiteren Episode auf Netflix zu schauen, Yoga lernst? Die Bildschirmzeit kann auch Vorteile haben, wie zum Beispiel, dass wir neue Dinge wie Tanzen, Yoga oder Schach über YouTube lernen können.   Und so sitze ich daheim mit dem wunderbaren Fazit: Ob mit oder ohne Pandemie – Kein Internet ist auch keine Lösung, zu viel davon aber auch nicht! Zum Glück ist ja bald wieder Montag, vielleicht baue ich diese Techniken in meinen Tagen langsam ein. 

Autor*innen: Lars Ebenthal, Alexia Theresa Bartels, Alejandra Micaela Tello
Navarrete, Merle Wriedt


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