Zurück in die Zukunft

Seitdem Mark Zuckerbergs Facebook die Welt im Sturm eroberte, ist viel geschehen in der Medienlandschaft. Heute kommunizieren wir mit unseren sozialen Kontakten simultan auf verschiedenen Plattformen und auf unterschiedliche Art und Weise – Warum? Und vor allem: Wie entwickeln sich soziale Netzwerke wohl weiter, wenn sie bereits jetzt weitestgehend dieselben Funktionen und Features anbieten? Ein Ausblick.

Credits: Pixabay/geralt

Wir schreiben das Jahr 2030. Auf WG-Partys wird nach wie vor hitzig darüber diskutiert, ob sich Cobb am Ende von Inception wohl in einem Traum befindet oder nicht und die Rolling Stones haben mittlerweile ihre – nun aber wirklich – letzte Tour angekündigt. Some things never change, heißt es ja so schön. Und doch hat sich viel verändert. Spoiler-Alarm: leidenschaftliche Black Mirror-Liebhaber*innen und George Orwell-Fans werden sich wohl noch etwas gedulden müssen, bis die Menschen von den medialen Geistern, die sie riefen, heimgesucht werden oder bis Big Brother uns beim Pasta Kochen zuschaut. Nichtsdestotrotz lohnt es sich definitiv, die aktuelle Medienlandschaft durch die kommunikationswissenschaftliche Brille zu betrachten. Welche Features haben die Social Networking Sites (SNS) heute? Was ist aus den damaligen big fishes der SNSs geworden? Erlebte ICQ eine Renaissance? Die Antworten auf diese Fragen kristallisierten sich bereits Anfang der 2020er-Jahre heraus.

Im Jahr 2020 nutzten knapp vier Milliarden Menschen weltweit aktiv soziale Medien. Expert*innen waren sich sehr sicher, dass diese Zahl noch weiter steigen würde und dass insbesondere jüngere User die neu erschienenen SNSs beziehungsweise Trends und damit neue Arten des Medienkonsums als Erstes annehmen würden. Dies zeigte sich besonders eindrucksvoll, als der Wegbereiter des – heute natürlich omnipräsenten – Kurzvideo-Features TikTok zunehmend an Popularität gewann. Zeitgleich verstanden die User, welche von sich behaupteten, die Entwicklung sozialer Medien seit Tag eins miterlebt zu haben, nicht, welchen Nutzen dies überhaupt bringe. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis der User-generated Content im Videoformat den statischen Content überholte. Die Bilder, welche gestern noch akribisch bearbeitet wurden, um möglichst ästhetisch den Instagram-Feed zu schmücken, lernten über Nacht laufen und wachten als Lip-sync-Dance-Videos auf. Selbstverständlich machte auch die rasante Entwicklung der virtuellen Realität keinen Halt vor den sozialen Netzwerken. Wieso nur eine Story vom Strandspaziergang posten, wenn man seine Follower auch per Live-Zuschaltung in einer Perspektive à la Google Street View (nur in 1000 Malversteht sich) daran teilhaben lassen kann?

Man könnte meinen, anhand der Features, welche ein soziales Netzwerk anbietet, und des daraus resultierenden Nutzen für die User, erklärt sich zum Teil das Warum hinter der Mediennutzung dieses Netzwerkes.Schließlich geht man auf Instagram, wenn man Storys seiner Freund*innen sehen möchte und man benutzt WhatsApp zum Chatten – oder?

SIND SOZIALE NETZWERKE NOCH SOZIAL?

Es wird somit schnell klar: Der Mensch vernetzt sich nicht mehr auf SNSs, um zu chatten, Profilbilder zu verändern oder seinen Standort zu posten. Die meisten Plattformen bieten mehr an – vor allem audiovisuell. So kann Ed Sheeran nicht nur seine Konzertzuschauer*innen mit den Klängen seiner Stimme verzaubern, sondern vorher seine Follower auf den sozialen Plattformen mit auf eine Tour hinter die Kulissen seines Konzertes nehmen. Und das Beste dabei ist, dass er zwischen vielen unzähligen Plattformen auswählen kann. Denn sie alle bieten die Möglichkeit einer Live-Übertragung an. Der Trend erschließt sich einem schnell: Bilder und Videos, Live-Streams und Instagram-Storys sind en vogue, einfache Texte und Nachrichten sind out. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass manche SNSs gar nicht mehr die Möglichkeit bieten, Inhalte ohne Bild oder Video zu veröffentlichen. Wozu auch? Schließlich kann mit einer geschriebenen Nachricht, abgebildet auf einem Bild, Abhilfe geschaffen werden. Immer weniger junge Menschen verbringen Zeit auf textbasierten SNSs und wenden sich Plattformen zu, bei denen der Fokus auf dem Visuellen liegt. So nutzen 2020 rund 72 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren Instagram, 51 Prozent Snapchat (Statista, 2021). Damit waren die beiden Plattformen Spitzenreiter der beliebtesten sozialen Medien unter Jugendlichen. Schon in einer Studie aus dem Jahr 2019 konnte man die differenzierte SNS-Nutzung der unterschiedlichen Altersgruppen erkennen. Während Facebook das am häufigsten genutzte soziale Netzwerk für Personen zwischen 25 und über 55 Jahren war, gaben junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren Instagram als ihre meistgenutzte SNS an (Statista, 2019).

Wofür steht eigentlich das „sozial“ in Social Networking Sites? Für die Kommunikation zwischen einer bestimmten Anzahl an Menschen und den Austausch von Meinungen? So haben wir Soziale Netzwerke zumindest kennengelernt, ob bei SchülerVZ, ICQ oder MSN. Besonders die Kommentarfunktion ermöglichte stets Diskussionen zwischen Freund*innen, Familie und Fremden. Zugegebenermaßen wird auch heute noch fleißig unter Beiträgen kommentiert, sachlich und unsachlich (to say the least), zustimmend und ablehnend. Und doch scheint zunehmend die Darstellung der eigenen Person an Bedeutung zu gewinnen. Besonders in Storys und einmalig aufrufbaren Snaps – also direkt versendeten Bildern und Videos – wird die einst noch “soziale Interaktion” von der lediglichen Darstellung der eigenen Person verdrängt. Öffentliche Kommentare gibt es hier nicht mehr. Trotzdem scheint dies immer weniger Plattformen davon abzuhalten, diese Funktionen zu übernehmen. Der Trend gibt es vor, die Plattformen ziehen nach. Kein Wunder also, dass die Funktionen der bekannten SNSs immer homogener werden und keine Funktion mehr “plattform-exklusiv” ist. Erfolgskonzepte werden ja bekanntlich gerne mal kopiert.

DIE UNGESCHRIEBENEN GESETZE DER SOCIAL MEDIA NUTZUNG

Aus einer forschungspraktischen Perspektive ließe sich, zugegebenermaßen etwas blauäugig argumentieren, dass die zunehmende Konvergenz sozialer Netzwerke einen großen Vorteil mit sich bringe: Vergleichbarkeit. Diese zunehmende Anpassung der sozialen Medien aneinander, vereinfacht es der Wissenschaft, diese und deren Effekte miteinander zu vergleichen. Denn je mehr sich soziale Netzwerke in ihren Funktionen ähneln und den User folglich annäherungsweise denselben Nutzen anbieten, desto eher kann man wissenschaftliche Befunde medienübergreifend betrachten.

Sie ließen somit auch außerhalb des kontextuellen Korsetts einer spezifischen Plattform Rückschlüsse auf andere Plattformen zu – oder?Nun, wahrscheinlich ist es wohl doch nicht ganz so einfach. Abgesehen davon, dass sich sowohl die Features und Funktionen von sozialen Netzwerken als auch die Art des Contents und die Netiquette gefühlt im Wochentakt weiterentwickeln, scheinen die User trotz der vermeintlichen Gleichheit verschiedene soziale Netzwerke zu unterschiedlichen kommunikativen Anlässen zu nutzen. Mal ehrlich – eine Story auf WhatsApp oder Facebook? Eine Voice-Message auf Instagram? Irgendwie komisch. Vielleicht ist dies aber auch lediglich der Nachhall einer “einfacheren” Zeit, in der man sich auf Facebook ausschließlich mit sozialen Kontakten vernetzte und unter Posts kommentierte, während WhatsApp für Chatnachrichten genutzt wurde. Es bleibt in jedem Fall spannend zu beobachten, welchen Einfluss die Konvergenz der sozialen Netzwerke längerfristig auf das Nutzungsverhalten der User ausüben wird. Man kann davon ausgehen, dass bestimmte Peergroups schneller und in größerem Ausmaß auf neue Entwicklungen eingehen werden als andere. Doch die Effekte der Konvergenz werden aufgrund des technologischen Fortschrittes, des stetigen Upgradens und der zunehmenden Interkonnektivität der SNSs früher oder später auch die “Nachzügler*innen” erreichen, sofern diese weiterhin bestimmte soziale Netzwerke nutzen wollen. Denn so viel ist sicher: ICQ wird keine Renaissance erleben und Facebook wird sich nie wieder nur auf die Funktionen beschränken, welche es noch vor ein paar Jahren anbot.

Autor*innen: Francisco Mendez, Florian Krempel, Florian Lebtag, Celine Janusch

Quellen:


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.