Redfish & Co: Linke Medienoffensive mit Geld aus dem Kreml

Sie sind einflussreich, manipulativ und sitzen mitten in Berlin: Medienunternehmen wie Redfish wachsen rasend schnell und wollen vor allem politisch engagierte linke Zielgruppen ansprechen. Dass sie dabei maßgeblich von Russland unterstützt werden, wird erst auf den zweiten Blick ersichtlich.

Grafik: Anja Jeitner / Quelle: http://kremlin.ru/events/president/news/57678/photos/53963 CC-BY-4.0 bearbeitet

Wer an russische Propagandakanäle mit Sitz in Berlin denkt, dem*der fallen wohl vor allem Russia Today und Sputnik-Radio ein. Redfish dagegen haben wohl nur wenige auf dem Schirm. Der neue Kanal spricht nicht mehr wie gewohnt rechte Verschwörungstheoretiker*innen an, sondern scheint sich gezielt an ein politisch aktives linkes Publikum zu richten. Behandelt werden Proteste und Aufstände auf der ganzen Welt und auch in Dokumentationen werden offen linke Perspektiven eingenommen. Ausgenommen hiervon sind lediglich Proteste in russischer Einflusssphäre.

Redfish wirkt dabei ziemlich erfolgreich: Der Kanal hat mehr als 150 Videos auf Facebook veröffentlicht und damit mehr als 11 Millionen Aufrufe erzielt. Die Zahl der Likes steigt rasant: Von Null im März 2020 bis zu 43.100 im Juni und schließlich 250.000 im November letzten Jahres. Neben Facebook sind Inhalte von Redfish auch auf Twitter, Youtube und Instagram zu sehen. Redfish verfügt nicht nur über ein Büro in der Mitte Berlins, eine moderne Webseite und Anzeigen auf Facebook, sondern ist auch in der Lage, Reportagen in unter anderem Nicaragua, Großbritannien, Italien und Deutschland zu bezahlen. Was auf den ersten Blick beeindruckend wirken mag, wirft spätestens auf den Zeiten Fragen auf: Wie kann sich Redfish solche aufwändigen und nieschigen Produktionen leisten?

Russlands Strippenzieher in den Redaktionsräumen

Im politischen Berlin gibt es auf diese Frage eine ziemlich klare Antwort. Hier spricht man offen davon, der Kreml betreibe mit Kanälen wie Redfish gezielte staatliche Propaganda im Ausland. Eine kleine Anfrage der FDP-Bundesfraktion beschreibt vom RT-Netzwerk produzierte Artikel als solche, die “in ihrer Gesamtschau die Haltung der russischen Regierung in propagandistischer Weise verbreiten”. Zu dem RT-Netzwerk gehören neben dem Internet-Fernsehsender RT Deutsch und der Nachrichtenagentur Sputnik auch die Agentur Ruptly und damit Kanäle wie Redfish.

Den meisten Nutzer*innen dürfte dabei nicht klar sein, dass die Inhalte von Redfish durch russische Staatsmedien finanziert werden. Kein Wunder, denn diese Verbindung ist nur schwer ersichtlich. Auf der Webseite finden sich kaum Hinweise auf die Verbindung zu Russland. Im Impressum wird lediglich eine GmbH mit Sitz in Berlin angegeben, welche beim Amtsgericht in Charlottenburg registriert ist und durch Elizabeth Cocker vertreten wird. Bei Cocker handelt es sich um eine britische Journalistin, welche unter dem Namen Lizzie Phelan bekannt ist. Früher war sie unter anderem für den iranischen Staatssender Press TV und in verschiedenen Funktionen für den russischen Staatssender RT tätig – etwa als Leiterin des Newsrooms Deutschland.

Während diese Informationen in Internetarchiven noch zu finden sind, hat RT sie mittlerweile nicht mehr online verfügbar. Erst wenn man einen Blick darauf wirft, welche Unternehmen an derselben Adresse in Berlin gemeldet sind, wird die Verbindung ersichtlich. Hierbei handelt es sich um die Ruptly GmbH, ein russisches Propagandaunternehmen welches 2005 von einer russischen staatlichen Nachrichtenagentur gegründet wurde. Laut Lizzie Phelan ist Redfisch eine hundertprozentige Tochter der Videoagentur Ruptly, welche wiederum zu RT gehört.

Auf diese Intransparenz fallen nicht nur durchschnittliche Nutzer*innen rein. Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Canan Bayram beispielsweise gab Redfish ein Interview zum Thema Mietsteigerungen, ohne über den Zusammenhang des Mediums zum russischen Staat informiert worden zu sein, wie sie später verlauten ließ. Dabei ist sie jedoch nicht die einzige, die getäuscht wurde. Auch der Journalist und Moderator des Beitrags gab an, die Zusammenarbeit nur eingegangen zu sein, da ihm die Verbindung zu Russland nicht bekannt war.

Während Redfish in der Selbstbeschreibung von objektiven und aktivistischen Journalismus redet, räumt die im Januar 2018 gegründete GmbH ganz offen ein, dass der Auftrag der Mitarbeiter*innen politisch motiviert sei. So verschwimmt die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus. Lizzie Phelan räumte nach Medienberichten die Finanzierung von Ruptly zwar ein, betonte aber eine redaktionelle Unabhängigkeit. Ob Redfish eher politisch oder finanziell motiviert ist, bleibt damit unklar. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall, spricht sich entschieden gegen diese Art von Journalismus aus, welche dem Ruf des Feldes schaden würde. Mit billiger Polemik würde der Eindruck erweckt werden, dass Medien der “verlängerte Arm der Staatsgewalt” seien.

Redfish ist nicht allein

Redfish und Ruptly sind jedoch nicht die einzigen Unternehmen, welche unter der Adresse in Berlin zu finden sind. Auf dem Klingelschild findet sich ebenfalls die Tochtergesellschaft Maffick, welche den Kanal In the Now betreibt und zum Großteil von Ruptly finanziert wird. Dieser begann als reguläre Sendung auf dem Kanal von RT, bevor er im Frühling 2016 zu einem eigenständigen Projekt wurde. Videos von In the Now finden sich auf Youtube, Facebook und Twitter. Auf Facebook hat der Kanal fast 5 Millionen Follower und über 3,5 Millionen Likes, mehr als die Bild oder Spiegel Online. Doch auf keiner der sozialen Netzwerke finden sich Beschreibungen, welche eine Verbindung zu RT herstellen. Lediglich auf der Webseite von RT selbst finden sich – jedoch gut versteckt – einige Hinweise auf die Verbindung. Inhalte von In the Now sind oft angepasst an russische Interessen und nehmen etwa eine kritische Perspektive gegenüber westlicher Außenpolitik ein. So werden Themen wie Rassismus und soziale Ungerechtigkeit in den USA vorwiegend behandelt. Vor allem etablierte amerikanische Medien werden kritisiert, während die russische Regierung von Kritik weitestgehend verschont bleibt. In The Now selbst gibt an, das Ziel zu haben, “eine Gemeinschaft von aufmerksamen Medienkonsumenten” aufzubauen. Ein Ziel, das kaum im Einklang mit der finanziellen und politischen Einflussnahme Russlands stehen kann.

Neben In the Now betreibt Maffick noch weitere Facebook-Seiten, die einem ähnlichen Prinzip zu Folgen scheinen. Die Seite Soapboax fokussiert sich auf aktuelle Ereignisse, präsentiert sich meinungsstark, jung und satirisch und behandelt etwa die Frage, ob die USA mit Al Kaida zusammenarbeiten würden. Der Kanal Waste-Ed beschäftigt sich mit Umweltthemen und Backthen ist ein Geschichtskanal mit Fokus auf westlichen Imperialismus. Bereits wenige Monate nach Inbetriebnahme der Seiten erreichten sie gemeinsam über 30 Millionen Views auf ihren Videos. Auf den Mutterkanal In the Now wird dabei nicht hingewiesen, die Verbindung ist aber denkbar, weil der Hauptkanal jedes Video teilt. Auch die Verbindung zu Maffick wird verschleiert, lediglich die E-Mail-Adresse zeigt, dass diese Seiten zu Maffick Media in Berlin gehören.  Auch zeigt eine Abfrage der Herkunft der Seite, dass die Homepage inthenow.media in der Region Moskau von einem staatlichen Medium registriert wurde.

Online-Aufklärung gegen Intransparenz

Ein Grund für diese starke Verschleierung könnte an den sozialen Netzwerken liegen. Seit einiger Zeit markiert Youtube in den USA Nachrichtenquellen, welche von Regierungen finanziert werden. Dort steht “RT wird in Teilen oder zur Gänze von der russischen Regierung finanziert”. Auch bei RT Deutsch ist eine Markierung zu finden: “RT, ehemals Russia Today, ist ein seit dem Jahr 2005 existierender, vom russischen Staat finanzierter Auslandsfernsehsender mit nachrichtenorganisiertem Programm mit Sitz in Moskau”. Ende September ging YouTube noch einen Schritt weiter und sperrte die deutschsprachigen Kanäle von RT. Daraufhin warf Russland der Plattform Zensur vor und drohte, YouTube im ganzen Land zu sperren.

Auch Facebook liefert den Nutzenden mittlerweile Informationen, um Nachrichtenquellen besser einschätzen zu können. Ende Juni 2020 wurde dort ein neues Feature eingefügt, das die Herkunftsorte der Administratoren sowie aktuelle Werbekampagnen der jeweiligen Seite anzeigt. Der Grund für das neue Feature war die mutmaßliche Beeinflussung der US-Wahl durch Russland. So wurde auch direkt ein beworbener politischer Kommentar von In the Now gesperrt, welcher nur Menschen in Kalifornien angezeigt wurde und mit russischem Geld finanziert wurde. Mit dem neuen russischen Netzwerk von Kanälen und Firmen sollen solche Kennzeichnungen eventuell vermieden werden.

Im Jahr 2019 hatte Facebook die Seiten suspendiert, bevor das neue Feature eingerichtet wurde. Nachdem In the Now auf Facebook mit dem Disclaimer “Russia state-controlled media” versehen wurde, hat Maffick im Sommer 2020 nun Facebook verklagt. Die Begründung hierfür ist, dass die Facebook-Seiten nun nicht mehr zu Maffick Media gehören, sondern der Firma Maffick LLC. Diese ist eine in Amerika registrierte Organisation im Besitz von Anissa Naouai. Naouai ist amerikanische Staatsbürgerin und lebt in Los Angeles. Sie war früher die Sprecherin von In the Now, als das Programm noch auf RT lief.

Aber auch die EU hat In the Now im Blick: die Abteilung für Aufklärung von Desinformation der Europäischen Union beobachtet neben RT und Ruptly auch diesen Kanal. Das Team von “EU vs Desinformation” schreibt dazu, der Facebook-Kanal mische “völlig unpolitische, oft emotionale und unterhaltsame Geschichten mit weniger häufigen politischen Geschichten, die eng an die Botschaften des Kreml anknüpfen”.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.