„Als Wissenschaftler muss man ja misstrauisch sein“

Michael Scharkow stand an der Frankiermaschine in der Poststelle und begeisterte sich für Straßenbahnen. Wenn er heute im Rewi sein Müsli gefrühstückt hat, warten im dritten Stock des GFGs Datenberge auf den Professor für Computational Communication Science. Kein Nerdjob, sondern ein Traumjob, sagt Scharkow.

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Die Dozierenden des IfPs gelten als sehr musisch. Kann sich die Musikgruppe auf einen musikalischen Neuzugang freuen?

(schmunzelt) Ich kann sie ohne musikalisches Talent durch schlechtes Gitarrenspiel unterstützen. Das ist aber nicht auftrittsreif. Vor allen Dingen wenn man sich hier die Inhouse-Konkurrenz anguckt, würde ich sagen, hat niemand Interesse daran, dass ich eine prominente Rolle einnehme.

Am IfP übernehmen Sie ja auch ganz andere Aufgaben. Seit Oktober leiten Sie den Lehrstuhl für Computational Communication Science am IfP. Worum geht es in diesem Forschungsbereich?

Ganz allgemein gesprochen geht es um datenintensive Verfahren und wie wir sie in der Kommunikationsforschung gewinnbringend verwenden können. Es zielt also eher auf einen methodologischen Fokus als auf einen inhaltlichen. Es wird über den Zugang zur empirischen Forschung in drei Schritten definiert. Das eine ist die Erhebung von digitalen Daten. Das zweite ist die Auswertung von solchen Daten, vor allen Dingen von großen Datenmengen. Und der dritte Punkt ist die Simulation von kommunikationswissenschaftlich-relevanten Phänomenen. Seien es Theorien, deren Annahmen sind relativ deutlich, die kann man durchsimulieren. Zum Beispiel, wenn Sie ein neues technisches Gerät haben und sich das herumspricht unter Ihren Kommilitonen. Oder wie schnell geht es, bis alle die neue App installiert haben? Mich interessiert auch Werbewirkungsforschung oder überhaupt Medienwirkungsforschung.

Woher kommt die Faszination für die Arbeit mit computergestützten Systemen?

Mich interessieren einfach Dinge, die es uns erlauben, neue Fragen zu stellen. Es gibt das klassische Bonmot, wenn man einen Hammer hat, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Das ist mit unserer Methodenausbildung auch so. Die computational Forschung dreht das ein bisschen auf den Kopf. Wir haben Forschungsfragen, müssen erstmal Daten sammeln und dann auch Auswertungsverfahren entwickeln, die zu diesen Fragen passen. Und da muss man neue Sachen ausprobieren – als Wissenschaftler muss man ja misstrauisch sein. Das eröffnet den Raum darüber nachzudenken, wie Daten überhaupt zustande kommen. Das kauft einem ganz viel wissenschaftliche Freiheit, dass man sagt, ich kann im Notfall auch mal andere Verfahren ausprobieren, die vielleicht besser zu meiner Forschungsfrage passen.

Ihr Lehrstuhl hat einen englischen Internetauftritt. Ist das Themenfeld komplett auf Englisch?

Die Forschung ist fast ausschließlich auf Englisch. Das Fach ist in Deutschland meiner Meinung nach ohnehin einfach zu klein. Und wenn man dann noch so ein relativ neues und zurzeit randständiges Thema erforscht wie Computational Communication, dann sind drei Leute die Zielgruppe in Deutschland. Ich mache gerne Lehre auf Englisch, ich finde das eigentlich schön, auch um den Standort Mainz mittelfristig attraktiver für Internationals zu machen.

Neben Ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit sind Sie Associate Editor beim Journal of Communication. Würden Sie Studierenden empfehlen, während des Studiums schon praktische Erfahrungen zu sammeln?

Ich glaube, es ist grundsätzlich gut möglichst frühzeitig in alle Berufsfelder einmal reinzuschauen. Es ist ja recht heterogen, früher war Journalismus en vogue, ich glaube mittlerweile machen das die allerwenigsten Studierenden noch. Man muss auch sagen, gerade beim Master, Wissenschaft an sich ist auch immer noch ein Ziel unserer Ausbildung. Und da ist die Berufspraxis eher als studentische Hilfskraft irgendwo zu arbeiten. Ich bin aber auch ein schlechter Auskunftgeber in dieser Hinsicht, ich habe mein ganzes Berufsleben nur an der Uni verbracht. Mein letztes Berufspraktikum war in der neunten Klasse.

Wo haben Sie Ihr Praktikum in der neunten Klasse gemacht?

Ich habe im Landgericht gearbeitet, in der Poststelle. An der Frankiermaschine (lacht). Das war kein sehr fordernder Job, aber man hatte die Chance, am Nachmittag in die Gerichtsverhandlungen zu gehen.

Was hat Sie dazu bewegt, Professor zu werden?

Der Job ist im Alltag extrem abwechslungsreich, man hat eine hohe Autonomie, auch als Wissenschaftler. Und wenn man das einmal genossen hat, ist das einfach eine wahnsinnig luxuriöse Arbeitssituation. Es hat natürlich Nachteile, es dauert jetzt fast 20 Jahre bis man eine Dauerstelle hat, darüber muss man auch offen kommunizieren. Gleichzeitig muss man sagen, für viele Kolleginnen und Kollegen ist es im Alltag so schön, dass man sehr ungern wieder geht. Weil wir im Prinzip den ganzen Tag machen, was wir wollen. Forschen, Lehren. Klar, es gibt Gremien und es gibt Verwaltung, aber ich habe es immer so empfunden, dass das einen relativ kleinen Anteil meines Berufsalltags ausmacht. Ein Großteil meines Arbeitstages mache ich das, was ich gerne mache und worin ich auch gut bin.

Welchen Beruf würden Sie wählen, wenn es Publizistik nicht gäbe?

Das ist eine sehr gute Frage, die hat sich schon so lange nicht gestellt. Die idealistischste Antwort ist sowas wie Straßenbahnfahrer, was ich immer einen schönen Job fand. Aber die realistische Antwort ist sicherlich, dass ich irgendwie im IT-Bereich arbeiten würde. Ich bin allerdings kein studierter Informatiker. Sowas wie Data Science finde ich auch spannend – da gibt es auf Unternehmensseite und in der Marktforschung interessante Berufschancen. Das ist sehr nah dran an dem, was ich sowieso tue. Nur, dass es im akademischen Kontext ist.

Studiert und promoviert haben Sie in Berlin. Über Hohenheim, Münster, Ohio und Friedrichshafen sind sie schließlich in Mainz gelandet. Wo hat es Ihnen, außer bei uns natürlich, bisher am besten gefallen?

Am prägendsten war sicherlich die Zeit an der FU Berlin. Die Uni ist fantastisch, es war der große Schritt nach Berlin damals, also auch die privaten Lebensumstände. Schön sind die Standorte aber eigentlich alle.

Und was ist Ihr liebster Platz auf dem Mainzer Campus?

Ich finde es schön im Rewi morgens, ich pendele noch und da in der Cafeteria bekommt man schon sehr früh Tee und Kaffee und Müsli. Und ich find es auch im dritten und vierten Stock im GFG schön.  Die Türen stehen offen und man kann einfach mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch kommen.

Natürlich wollen wir auch mehr über Sie persönlich erfahren: Was machen Sie, wenn Sie nicht am Schreibtisch sitzen?

Größtenteils bin ich Zuhause bei meiner Familie. Ich habe zwei Kinder und das heißt vor allen Dingen etwas mit meiner Familie unternehmen. Für Hobbies bleibt aktuell wenig Gelegenheit. Sonst hätte ich auch gerne wieder einen Krimi in die Hand genommen.

Sie sind Experte für digitale Kommunikation. Welche Apps sind bei Ihnen in Dauerbetrieb?

Durch die viele Pendelei höre ich oft Nachrichtenpodcasts. Ich brauche in Mainz Google Maps ganz häufig und die RMV-App, um von A nach B zu finden. Und ansonsten Twitter, das ist das einzige soziale Netzwerk, das ich nutze. Und auch das nur beruflich. Und dann Nachrichtenapps, zum Beispiel Flipboard.


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