Lockdown für die Emanzipation?

Auf dem Höhenflug Emanzipation unterwegs, die Frauenbewegung schien eine Erfolgsgeschichte. Der Mann und die Frau waren fast schon gleichberechtigt. Doch dann, wie aus dem nichts, brach Corona auf die Emanzipation herab. Plötzlich war alles anders. Oder war es schon immer so?

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Geschlechtergerechtigkeit, ein Ziel, das für manche schon als Realität wahrgenommen wurde. So haben wir derzeit nicht nur eine Bundeskanzlerin, sondern auch eine Präsidentin der Europäischen Kommission und eine Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Es schien als hätte die Frauenbewegung ganze Arbeit geleistet. 1918 erlangten Frauen endlich das Recht zu Wählen. Es folgte die Auflösung der Vormundschaft des Vaters sowie des Ehemannes über die mündige Frau. In der zweiten Welle wurde 1977 die gesetzliche Verpflichtung abgeschafft, dass Ehefrauen den Haushalt führen müssen. Wenige Jahre später, wurde das Gesetz zur „Gleichbehandlung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz“ verabschiedet. 

Doch was sich nach Gleichberechtigung anhört, muss nicht zwangsläufig welche sein. Nur weil Frauen per Gesetz nicht mehr den Haushalt führen müssen, heißt das noch lange nicht, dass sich plötzlich Mann und Frau diese Aufgabe teilen. 

Der Fluch Corona

Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Christine Lagarde sind nicht der Normalfall, sie sind die Ausnahme. Es überrascht, dass manche erst durch die Corona-Krise bemerken, dass die Frauenbewegung längst noch nicht ausgedient hat.   

In einer Krise offenbaren sich die Schwächen eines Landes. Probleme, die zwar zuvor schon bestanden haben, werden jetzt für die Massen offengelegt und verstärken sich. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung bestätigt, dass während des Shutdowns Mütter im Vergleich zu Vätern weniger Stunden als im Normalfall arbeiten oder sogar komplett aussetzen. Der Grund liegt auf der Hand: Frauen stecken zurück, um die Kinder zu betreuen und zu beschulen sowie den Haushalt zu führen. Vom Vorgesetzten des Mannes ist oft kein Verständnis dafür da, wenn Väter für die Kinder daheimbleiben wollen. Die veränderten Zustände schockieren. Erst jetzt scheint die Mehrheit zu bemerken, dass das Bild der Hausfrau noch immer tief in den Köpfen der Menschen verankert ist. Die Pandemie ist nicht der böse Fluch, der Frauen in Hausfrauen verwandelt. Auch in Zeiten vor Corona haben Mütter die Hauptlast in der Kindererziehung und dem Haushalt übernommen sowie beruflich zurückgesteckt für die Familie. Zahlen von Eurostat und dem statistischen Bundesamt belegen, dass 2016 79 % der Frauen in der Europäischen Union täglich kochten und/oder der Hausarbeit nachgingen. Bei den Männern waren es gerade mal 34%, in Deutschland sogar nur 29 %. Die Corona-Krise hat dieses Muster nur noch weiter verstärkt. 

Systemrelevante Frauen sind nichts Neues 

Nimmt man die systemrelevanten Berufe unter die Lupe, zeigt sich ebenfalls ein Phänomen, dass schon vor Corona bestand: Die Mehrheit dieser Berufe wird von Frauen ausgeübt. Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass in Krankenhäuser 76 % Frauen arbeiten, im Einzelhandel mit Nahrungsmitteln sind es 72,9 % und in Kindergärten und Vorschulen beinahe 93 %. Das fatale daran ist, dass es genau diese Berufe sind, die im Durchschnitt schlechter bezahlt werden, Ärzt*innen hierbei ausgenommen. Einerseits lässt sich die geringere Bezahlung damit begründen, dass in einigen dieser Berufe die geforderten Qualifikationen relativ gering sind. Andererseits zeigt sich gerade jetzt, wie elementar diese Beschäftigungsfelder für das Funktionieren der gesamten Gesellschaft sind. Zudem hat sich bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass die Zunahme an Frauen in einem Berufsfeld dazu führen kann, dass diese Berufe schlechter bezahlt werden. Ein Beispiel anhand des Berufsfelds Informatik: Das Programmieren war tatsächlich mal ein Frauenberuf. Als der Beruf allmählich von den Männern übernommen wurde, stiegen auch die Löhne. 

Bild: Pexels, One Shot

Den Zauber brechen

Wenn man Corona als bösen Fluch betrachten möchte, dann ist dessen Hexenmeister*in die Sozialisation. Die von klein auf verinnerlichten, geschlechtstypischen Attribute sind es, die Frauen dazu bringen, beruflich zurückzustecken und vermehrt häusliche Aufgaben zu übernehmen. 

Was ist also notwendig, um die Geschlechtergerechtigkeit voran zu treiben? Oft lautet die Antwort auf diese Frage: Frauen in Spitzenpositionen. Doch dies ist zwar das wünschenswerte Resultat aber nicht der Lösungsweg. Denn wer sich gleichzeitig um Kind und Haushalt kümmern muss, wird es nur schwer in eine Spitzenposition schaffen. Man kann also nur hoffen, wie Margarete Stokowski es in ihrer Spiegel-Kolumne ausdrückt, „dass Menschen sich ihrer wahren Bedeutung und ihrer Kräfte bewusst werden sowie der Lasten, die sie zu tragen haben“. Um die tatsächliche Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen, müssen die Geschlechterrollen aufgebrochen werden. Es muss ein Verständnis dafür entstehen, dass die geschlechtstypischen Attribute nicht natürlich sind. Der Frau, aber auch dem Mann, werden Rollen und Eigenschaften von der Gesellschaft auferlegt. Da es sich nicht um angeborene Merkmale handelt, besteht die Möglichkeit sich den geschlechtstypischen Fesseln zu entledigen.  


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