Gruschel sich, wer kann

Vor zehn Jahren war Christian Wulff Bundespräsident, „Waka Waka“ der Dancehit des Sommers und StudiVZ das größte soziale Netzwerk in Deutschland. Weil alles wiederkommt, sogar die Schlaghose, feiert auch das VZ-Netzwerk sein Revival. Schräge Gruppennamen sind geblieben, vieles soll anders werden. David Kulessa hat sich angemeldet und wartet weiter auf die versprochenen 1001 Pastarezepte.

Bild: David Kulessa

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Ich bin 2000er Jahrgang und gehöre somit wohl am ehesten zur Generation Instagram. Facebook ist mir inzwischen zu langweilig, alt und vor allem zu verschwörungstheoretisch. Geht es darum, weshalb ich TikTok nicht nutze, behaupte ich gerne, die Nähe zum chinesischen Staat missfalle mir und ich sorge mich um meine Daten. In Wahrheit verstehe ich es schlicht nicht – scheinbar bin ich für TikTok bereits zu alt. Twitter und Jodel muss man als Studierender offensichtlich cool finden, ich benutze beides aber kaum einmal länger als fünf Minuten am Stück. Bleibt noch Instagram. Das hat sich in den knapp sechs Jahren, in denen ich es benutze, kaum verändert – wenn, dann tendenziell zu Gunsten der Benutzerfreundlichkeit – und lädt mich wie kein anderes dazu ein, die Zeit beim Chatten, Liken und Beneiden zu verschwenden.

Habe ich eins vergessen? Ach ja, Studi-, Schüler- und meinVZ! Tatsächlich war Schüler VZ das erste soziale Netzwerk, bei dem ich angemeldet war. Kaum war ich auf dem Gymnasium, war schnell klar, dass ich einen Account bei SchülerVZ brauchen würde, wenn ich dazugehören wollte. Wollte ich natürlich. Und schon chattete ich mit Freunden, benotete Lehrer und Schulfächer, gruschelte (wer erinnert sich?) und postete, was zehn- bis zwölfjährigen Jungs eben so durch den Kopf geht. Was genau, weiß ich leider nicht mehr und kann es auch nicht mehr nachschauen. SchülerVZ gibt es schon seit Mai 2013 nicht mehr.

„Umstrukturierung eine wahnsinnige Arbeit“

Die beiden Partner-Netzwerke meinVZ und StudiVZ hingegen sind noch immer online – aber nicht mehr lange. Am 30. Juni diesen Jahres werden die Server abgeschaltet. Die gute Nachricht: VZ lebt weiter (und Nutzer der alten Netzwerke können ihre Daten übertragen)! Die Anfang April gelaunchte Seite VZ.net ist der Nachfolger der ehemals größten und beliebtesten deutschen Netzwerke. Nachdem die Betreiber-Firma Poolworks im September 2017 Insolvenz angemeldet hatte, kaufte sie Lieferando-Gründer Jörg Gerbig im Jahre 2018. Bereits seit Ende 2017 ist Agneta Binninger Geschäftsführerin. „Die Umstrukturierung der Firma war eine wahnsinnige Arbeit“, berichtet die junge CEO. „Wir haben in dieser Zeit viele neue Konzepte erarbeitet und da hat sich dann schnell dieses neue Netzwerk herauskristallisiert.“

Auch ich habe mich bei VZ.net angemeldet – damit diese Zeilen auf einem fundierten Benutzer-Halbwissen beruhen, aber auch, weil es mich ehrlich interessiert hat. Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass es sich aktuell noch um die Beta-Version handelt. Die fertige Seite sowie eine App wird es wohl erst Ende des Jahres geben.

Die Zeitreise zurück zu meinem gruschelndem Ich beginnt mit einem  klassischen Anmeldeprozess; das Netzwerk möchte Name, Alter (16 Jahre alt muss man mindestens sein), den Wohnort sowie die E-Mail-Adresse wissen. Anschließend werde ich aufgefordert, mindestens drei von 17 vorgegebenen Interessen auszuwählen. Von „Spaß und Unsinn“ über „Dating“ und „Sport“ bis hin zu „Bildung“ ist das Feld breit gefächert. So weit, so gewöhnlich. Anschließend dürften einige nostalgisch werden.

An erfolgreiche Zeiten anknüpfen

Viele ehemalige Nutzer werden bei VZ nämlich vor allem an die Gruppen denken. Noch vor WhatsApp-Gruppenchats und Telegram-Gruppen trafen sich hier virtuell Freunde aus dem echten Leben, aber es entstanden auch Freundschaften mit Leuten aus ganz Deutschland, die Interessen und Leidenschaften teilten. Gerade für junge Menschen, die zum Studieren in fremde Städte kamen, waren die Gruppen in Studi.VZ eine tolle Möglichkeit, Kommilitonen kennenzulernen. An diese Zeit möchte auch VZ.net anknüpfen. „Wir machen das genaue Gegenteil zu den One-Man-Shows auf den anderen Netzwerken. Diese Selbstdarstellung mit vielen Zuschauern ohne Interaktion ist genau das, was wir nicht wollen“, erklärt die Geschäftsführerin. „Bei uns ist alles auf die gegenseitige Kommunikation und Interaktion ausgerichtet.“ Eine Timeline wie bei Facebook, Instagram oder Twitter gibt es daher nicht. Stattdessen lädt man Beiträge ausschließlich in Gruppen hoch. 

Mindestens vier dieser Gruppen muss ich zu Beginn beitreten. Neben wiederbelebten Klassikern wie „Brot kann schimmeln, was kannst du?“ und „Wer nackt badet, braucht keine Bikinifigur!“ sind der „VZ-Single-Treff“ sowie „1001 Nudelrezepte für meinen Pastavorrat“ mit mittleren vierstelligen Mitgliederzahlen beliebt. Was (noch) größtenteils fehlt, sind Gruppen mit lokalem Bezug. Studenten der Mainzer Uni, Fans des FSV Mainz 05 oder auch Freunde der Mainzer Fastnacht finden zum Beispiel bisher keine Gruppen, in denen Sie sich mit Gleichgesinnten austauschen können. Damit sich das ändert, müssen die User selbst aktiv werden.. Jeder kann Gruppen erstellen.

Nutzer sollen an Werbeeinnahmen beteiligt werden

Ein weiteres Problem ist die Aktivität in den Gruppen. Viele Beiträge bleiben unbeantwortet und selbst in Gruppen mit über 3000 Mitgliedern werden nicht einmal täglich neue Posts erstellt. Von 1001 Nudelrezepten ist die oben erwähnte Gruppe zum Beispiel weit entfernt. Viele scheinen sich an die eigene Passivität und das reine Konsumieren bei Instagram und Co. gewöhnt zu haben. Agneta Binninger meint: „Das Vernetzen über Gruppen und Interessen finden die meisten Nutzer schon gut.“ Sie glaubt aber auch, dass User noch stärker an die Hand genommen werden müssen. Um die Aktivität zu fördern, werde aktuell ein Tutorial erstellt, das unter anderem erklärt, wie Nutzer selbst Gruppen erstellen können.

Ein weiterer Anreiz soll sein, Nutzer langfristig an den Werbeeinahmen zu beteiligen. „In großen Gruppen, in denen ein bestimmter Umsatz generiert wird, macht es Sinn, die Nutzer an dem Gewinn zu beteiligen“, findet Binninger. Hierfür suche man aktuell passende Werbepartner, die auch mit einer weiteren Besonderheit von VZ.net einverstanden sein müssen – dem Respekt vor Daten. Was das bedeutet, erklärt die Geschäftsführerin so: „Wir grenzen uns klar ab von Facebook und lesen zum Beispiel keine privaten Nachrichten. Für das Werbe-Targeting verwenden wir bloß die Rohdaten der Nutzer.“ Bedeutet: Als Nutzer bekomme ich zwar personalisierte Werbung, aber nur ausgehend von den Informationen, die ich VZ.net freiwillig gebe. Auch was ich auf anderen Websites im Internet mache, liest das Netzwerk nicht aus.

Eine Marktlücke, die gar nicht existiert?

Hinter VZ.net steckt ein klares Konzept und der Versuch, Menschen ein datenschutzfreundliches Netzwerk zu bieten, auf dem sie sich mit Gleichgesinnten austauschen können. Um politisch verwirrte Spinner und Verschwörungstheoretiker von der Seite fernzuhalten, gibt es laut Binninger Leute im Costumer Care, die auf genau so etwas achten. „VZ.net ist eine multikulti-bunte Seite für die unterschiedlichsten Meinungen, aber es gibt Grenzen. Zum Beispiel, wenn man andere diskriminiert“, macht Geschäftsführerin Binninger klar.

Der Versuch, sich auf die bereits auf den beiden Vorgänger-Netzwerken erfolgreich erprobte Gruppenkommunikation zu fokussieren, ist interessant und durchaus außergewöhnlich in den Hochzeiten von Instagram. Ob die Verantwortlichen damit wirklich eine Marktlücke füllen oder eben jene gar nicht existiert, wird die Zeit zeigen. Sich auf das „sozial“ in „soziales Netzwerk“ zu besinnen, klingt erstmal positiv, könnte aber den Nerv der Zeit auch um ein gutes Jahrzehnt verfehlen.

Ich werde meinen Account vorerst behalten und in den nächsten Monaten weiter beobachten, was sich auf dem Netzwerk tut. Gerade die Gestaltung der angekündigten App könnte ausschlaggebend für den weiteren Erfolg sein. Denn zur Kommunikation nutzen die meisten inzwischen vor allem das Smartphone. Auch Instagram, Twitter und Facebook sind inzwischen sehr stark auf die mobile Nutzung ausgelegt – Jodel, WhatsApp und Telegram sowieso.

Zum Abschluss unseres Gesprächs habe ich Agneta Binninger gefragt, warum sich ein Student bei VZ.net registrieren sollte. „Weil er keinen Bock mehr auf Facebook hat und lieber in persönlichen und lustigen Gruppen Leute finden will, mit denen er Themen aus der Umgebung besprechen kann.“  


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