Mit Unvorhersehbarem umgehen: Der Corona-Bachelor

Während alle über Corona reden, hat man selbst fast nur Third-Person-Effekt und Schweigespirale im Kopf. Aber wie lebt es sich in Corona-Zeiten, wenn man gerade mit den Abschlussprüfungen konfrontiert wird? Und was bleibt von den Zukunftsplänen, wenn eine weltweite Pandemie ausbricht?

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Die Politik hat seit März zahlreiche Maßnahmen zur Beschränkung der Neuinfektionen erlassen und auch die Johannes Gutenberg-Universität musste dem allgemeinen Druck nachgeben. Es folgt ein Überblick der wichtigsten Schritte der letzten Monate. 

Die IfP-Bachelorthesis setzt sich bekanntermaßen aus zwei Bausteinen zusammen. Zunächst bearbeiten Studierende ihr Prüfungsthema in einer schriftlichen Arbeit, dann erfolgt der mündliche Teil. 

Eine schriftliche Ausarbeitung bedarf guter Quellen. Was ist aber, wenn die Bibliothek schließt? Jonas studiert Publizistik und American Studies und hat direkt Vorkehrungen getroffen, als durchsickerte, dass Corona den Unibetrieb einschränkt: „Ich musste gezwungenermaßen Quellen hamstern und habe wahllos eingepackt, was ich vielleicht brauchen könnte.“ In Publizistik sei es ein Vorteil, dass man so viele Online-Quellen habe. Er habe noch einen umstrittenen Tipp, den wohl einige Studierende schon nutzen würden. Über eine Website könne man die Bezahlsperre von Fachzeitschriften umgehen und so direkt an die PDF gelangen. Er gibt zu: „Das hat mich teilweise wirklich gerettet“. 

Quelle: Website Universitätsbibliothek, Website JGU

Für angehend Wissenschaftler*innen spielt außerdem die Datenerhebung bei der Bachelorarbeit eine große Rolle. Alisa, Publizistik und Anthropologie-Studentin, kann auf Nachfrage jedoch besänftigen: „Die Skype-Interviews liefen super und für qualitative Forschung ist das wirklich okay.“ Auch Jonas musste ein Interview über Skype führen und sieht sogar einige Vorteile, denn: Sei jeder in seiner „Safe-Space“ zuhause, verliefe das Gespräch eindeutig entspannter und die Diktierfunktion von Skype sei ein absoluter Plus-Punkt.

Einige Studierende der Publizistik hatten auch Glück im Unglück für den ersten Teil der Prüfung. So erzählt die Linguistik und Publizistik-Studentin Yanina im persönlichen Gespräch: „Ich habe meine Bachelorarbeit abgegeben und einen Tag danach musste ich von meinem Studentenjob aus ins Homeoffice. Gerade noch einmal rechtzeitig.“ Der Publizistik und Filmwissenschafts-Student Oliver hatte seine Arbeit sogar schon im Februar abgegeben.

Auch die Publizistik-Studentin Lana konnte früh genug die Thesis einreichen, um vor möglichen Folgen verschont zu bleiben. 

Alle drei beschäftigt jedoch in der Gegenwart ein ganz anderes Problem: Ihre mündliche Prüfung verzögert sich. Während Lanas Prüfer den Termin für die mündliche Skype-Prüfung nun endlich bekannt gegeben hat, muss Oliver immer noch bangen. Sein Prüfer ist Professor Erich Lamp. Dieser fühlt sich laut Oliver nicht sehr wohl bei einer Abfrage über Skype, so vertröstet er seine Prüflinge darauf, Ende Mai einen möglichen Termin zu verkünden. Aber nicht nur die terminliche Absprache fällt schwer in Corona-Zeiten. „Es ist eben auch schwierig sich noch einmal in seine eigene Bachelorarbeit einarbeiten zu müssen vor der Prüfung, weil alles so lange her ist“, gibt Oliver zu bedenken. 

 „Ohne Corona hätte ich sicher einen Arbeitsplatz gefunden“

Lana hat wegen der Verzögerung der mündlichen Prüfung mit erheblichem Druck zu kämpfen. Die Corona-Krise hätte fast ihre Berufsaussichten als angehende Redakteurin beim ZDF vereitelt, denn sie hätte ursprünglich Mitte März geprüft werden sollen. Dann traten jedoch die Maßnahmen in Kraft. „Ich bin ein bisschen am Bangen, dass ich in Verzug komme. Ich brauche für die Stelle mein Bachelor-Zeugnis“, erzählt sie nachdenklich, aber gefasst. 

Oliver wiederum hatte sich noch vor Corona beworben und wurde nun von potentiellen Arbeitgebern hingehalten. Wegen Corona müsse die Entscheidung vertagt werden, hieß es nur von Seiten einer Kommunikationsagentur. Eigentlich hatte er gehofft, irgendwo eine Festanstellung zu finden; er hat sich jetzt doch auf einen Master beworben. Es helfe ja alles nichts. Sein resigniertes Fazit: „Ohne Corona hätte ich sicher einen Arbeitsplatz gefunden.“ 

Aber nicht nur Job-Pläne gerieten bei den Studierenden der JGU ins Wanken. Auch unzählige Praktika konnten nicht oder erst sehr viel später und mit Einschränkungen angetreten werden. Yanina hatte beispielsweise Anfang Juni ein Auslandspraktikum bei einer Kunstakademie in Florenz in Aussicht. Ihr wurde wegen der aktuellen Lage eine Arbeit im Homeoffice angeboten, sie lehnte jedoch ab. 

Alpenwanderer statt Thailand-Backpacker

Weiße Strände, feurige Sonnenuntergänge und Entspannung pur. Die romantische Vorstellung nach dem erfolgreichen Bachelorabschluss ist oft das Reisen. Bei geschlossenen Ländergrenzen, zerplatzt dieser Traum. 

Yanina wollte mit ihrem Freund Mitte März ihre Eltern in Weißrussland besuchen. Lana wollte Ende April wie viele andere als Backpacker für einen Monat nach Thailand, die Flüge hin und zurück waren bereits gebucht. Glücklicherweise wurde das Geld zurückerstattet, allein eine Bearbeitungsgebühr von 50 Euro fiel an. So konnten und können die meisten Reisepläne von Studierenden nicht wie geplant stattfinden. Selbst, wenn die thailändischen Grenzen dieses Jahr noch geöffnet werden, wird Lana wohl aufgrund ihres neuen Jobs erst einmal nicht reisen können. Oliver hat sich jedoch eine Alternative für seine geplante Europa-Tour überlegt: „Ich denke ich werde im Juli in die Alpen wandern gehen“. Yanina möchte statt Weißrussland im Sommer nach Holland; es müssten eben Abstriche gemacht werden. Ob erschwerte Bachelor-Recherche, Verzug mit der mündlichen Prüfung oder veränderte Lebens- und Reisepläne, die Auswirkungen von Corona auf den/die Absolvent*in sind nicht zu leugnen. Einige hat es härter getroffen, andere spüren kaum Einschränkungen. Mal wieder ist die studentische Welt zu Teilen ein Abbild der verschiedenen Schicksale der gesamten Gesellschaft in Deutschland. 


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