Ist Bio gleich Bio?

„Da steht Bio drauf, das muss auch gut sein.“ – so ist es in vielen Köpfen verankert. Wir sehen ein Bio-Siegel und greifen mit gutem Gewissen zu. Aber was genau bedeuten diese Siegel überhaupt, wie gut sind sie und wo liegen im Siegel-Dschungel die Unterschiede?

Foto: Marit Lott

Das Thema Umweltbewusstsein gewinnt in der Gesellschaft auch in Bezug auf die Ernährung immer mehr an Bedeutung. So sind wir Menschen zunehmend darauf bedacht, gesund, umweltfreundlich und nachhaltig einzukaufen. Es ist dabei normal, dass wir uns an irgendetwas orientieren wollen, sei es ein Nutri-Score, ein Fair-Trade-Siegel oder eine Bio-Deklaration. Das Problem dabei ist nur: Es gibt undurchschaubar viele Kennzeichnungen, ohne dass für Konsumierende genau ersichtlich ist, wofür die Zertifikate und Siegel stehen. Ohne direkt erkennbare Unterschiede zwischen den einzelnen Bio-Siegeln, wie EU-Bio, Demeter und Naturland werden mögliche Vor- und Nachteile häufig nicht hinterfragt. Denn Fakt ist doch: Bio ist Bio und auf jeden Fall besser als nicht Bio. Aber stimmt das denn wirklich?

Hinter Bio-Paprika liegt fast immer eine weite Reise

Eine erste Annäherung an die Frage liefert die Sonderausstellung „Future Food“ im Dresdner Hygiene-Museum. Dort wurde gezeigt, dass die Tatsache, ob Bio wirklich nachhaltiger und umweltschonender ist, auch von weiteren Faktoren abhängt, wie etwa der Regionalität. Beispielsweise sind 85 % der Bio-Tomaten in Deutschland importierte Ware – bei Bio-Paprika liegt dieser Anteil sogar bei 95 %. Und genau da liegt das Problem. Lange Transportwege erhöhen maßgeblich die CO2-Emissionen und könnten die Umwelt-Vorteile der Bio-Produktion unter Umständen wieder zunichtemachen. Allein der Transport macht ganze 56 % an den Treibhausgasemissionen weltweit aus. Das heißt beim Einkauf sollten nicht nur Siegel beachtet werden, sondern auch Faktoren wie Regionalität und Saisonalität. Letzteres wird am Beispiel von Äpfeln veranschaulicht. Diese haben ihre Erntezeit von August bis Oktober und alles, was außerhalb dieses Zeitraums im Supermarkt liegt, ist Lagerware. Je nachdem wie viel und wie lange bei solchen gelagerten Produkten gekühlt, geheizt oder mit Schutzfolien gearbeitet werden muss, ist die Umweltbilanz bei den heimischen nicht-saisonalen Produkten unter Umständen schlechter, als wenn diese aus anderen Regionen der Welt, in denen gerade Erntezeit ist, nach Deutschland verschifft werden. Als Faustregel gilt hier: Je länger die Saison der Ware zurückliegt, desto schlechter auch ihre Umweltbilanz. Das heißt also, dass Bio zu kaufen durchaus erstrebenswert ist, aber man auch darauf achten sollte, welche Produkte wann und wo Saison haben.

Bio oder nicht – die Produktionsbedingungen entscheiden

Ein weiterer und großer Faktor bei der Beurteilung von Bio-Ware ist die Produktion. Je mehr Energie und Wasser dabei verbraucht werden muss, desto mehr schaden die Produkte der Umwelt. Entscheidend für die Gesundheit sind außerdem die Mengen an Zusatzstoffen, die dem Obst, dem Gemüse oder dem Tierfutter zugefügt werden. Und hier kommen die Lebensmittel-Siegel ins Spiel. Alle Produkte, die irgendeines dieser Siegel tragen, unterliegen in der Produktion bestimmten Schadstoffgrenzen, die die anderen Produkte nicht haben. Problematisch zu betrachten sind dabei vor allem die massenproduzierten Nicht-Bio-Produkte, die in den Regalen von Supermarkt-Ketten liegen, bei denen die Herkunft und die Produktionsbedingungen nur schwer nachvollziehbar sind. In diesem Vergleich sind also regionale und saisonale Bio-Produkte grundsätzlich vorzuziehen. Aber auch hier kommen Fragen auf: Gibt es Unterschiede in den Bio-Siegeln und wenn ja, welches ist das beste?

Das „EU-Bio“-Siegel ist die gängigste Bio-Deklaration. Mit ihr sind die Mindestanforderungen an Bio-Ware gedeckt. Jedes Discounter-Bio-Siegel hat dabei ein leicht unterschiedliches Design, sie basieren allerdings alle auf den gleichen EU-Richtlinien. Diese garantieren zum Beispiel, dass biologische Futtermittel verwendet wurden und untersagen den Einsatz von Gentechnik, chemisch-synthetischer Pflanzenschutz- und Düngemittel und präventiver Antibiotika-Gabe. In der Verarbeitung dieser Produkte sind außerdem 53 Zusatzstoffe zugelassen, im Gegensatz zu konventionellen Produkten in der EU, die bis zu 316 Zusatzstoffen enthalten können. Ein zusammengesetztes Lebensmittel muss dabei zu mindestens 95 % den „EU-Bio“-Kriterien entsprechen, um sich „bio“ oder „öko“ nennen zu dürfen.

Zertifizierung: Auf den Schwerpunkt kommt es an

Einige weitere Bio-Zertifizierungen treffen Maßnahmen über die EU-Richtlinien hinaus, die bekanntesten sind „Demeter“, „Naturland“ und „Bioland“. Jedes Siegel hat dabei seine eigenen Besonderheiten. „Demeter“ und „Naturland“ sind internationale Auszeichnungen, während „Bioland“ nur für Ware aus Deutschland oder Südtirol zugelassen ist und damit seinen Schwerpunkt auf Regionalität setzt. „Bioland“ schränkt zusätzlich außerdem den Tiertransport auf maximal vier Stunden und 200 Kilometer ein, was die Umweltbilanz in Bezug auf CO2-Emissionen im Transport deutlich verbessert. Außerdem gewähren „Bioland“-Betriebe den Tieren mehr Auslauf und ausschließlich Biofutter, von dem mindestens 50 % vom eigenen Betrieb oder regionalen Kooperationen hergestellt werden muss. Diese Anforderungen an den Umgang mit Tieren werden ebenfalls von „Demeter“ gestellt, ein Siegel, dessen Schwerpunkt in der artgerechten Tierhaltung liegt und deshalb zusätzlich die Enthornung von Rindern verbietet. „Naturland“ setzt, neben dem ebenfalls größeren Auslauf für Tiere und der Beschränkung der Transportwege auf acht Stunden, verstärkt auf soziale Aspekte. Mit der Zertifizierung „Naturland fair“, müssen spezielle soziale Anforderungen erfüllt sein. Dazu zählt beispielsweise der Ausschluss von Kinderarbeit und die Wahrung der Menschenrechte, was vor allem in Ländern wichtig ist, in denen dies nicht schon vom Gesetz geregelt wird. In allen drei Siegeln werden außerdem die Düngemittel und die Anzahl an Zusatzstoffen beschränkt. Letztere darf bei „Bioland“ und „Naturland“ bei maximal 22 liegen und bei „Demeter“ sogar nur bei 21.

Ein Fazit mit „Aber“

Bio ist tatsächlich nicht gleich Bio. Aber: Wer saisonale und regionale Bio-Produkte kauft, tut der Umwelt und der eigenen Gesundheit gegenüber der herkömmlichen Supermarktware auf jeden Fall einen Gefallen. Die Güte eines speziellen Bio-Siegels sollte je nach Schwerpunkt bewertet werden, gerade in Bezug auf die kurzen Transportwege sind wir in Deutschland mit „Bioland“ gut beraten. Doch auch das beste Siegel ist keine Garantie dafür, dass das betreffende Produkt ohne CO2-Emissionen und Schadstoffe produziert wurde und Tiere vollkommen artgerecht gehalten worden sind. Immer wieder schaffen es Bio-Siegel mit Skandalen eigener missachteter Grundsätze in die Schlagzeilen. Mal wird das Tierwohl nicht eingehalten, in anderen Fällen werden unerlaubterweise Medikamente verabreicht. Allgemein gilt: Wenn nicht klar ist, wo genau Lebensmittel herkommen, dann gibt es auch keine hundertprozentige Sicherheit, wie es um die Produktionsbedingungen steht. Es ist aus diesem Grund sinnvoll, sich zu erkundigen, woher die Produkte kommen und sich dann damit auseinanderzusetzen. Auch ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass es Produkte gibt, die grundsätzlich, ob Bio oder nicht, mehr Energie verbrauchen und länger transportiert werden müssen als andere. Die Entscheidung muss also nicht immer nur Bio-Avocado oder Nicht-Bio-Avocado lauten, sondern es kann vielleicht auch mal eine regionale Alternative wie Erbsen-Guacamole sein.


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