„The Pioneer“ von Gabor Steingart: Kein alternatives Medium

Seit der Gründung 2019 versucht das Medienunternehmen „The Pioneer“, sich mit Podcasts und Newslettern auf dem deutschen Markt zu etablieren. Es wirbt damit, völlig unabhängig von der privaten Wirtschaft zu arbeiten. Der „Spiegel“ und die „Zeit“ werfen Gründer Gabor Steingart das genaue Gegenteil vor. Wer hat Recht?

Foto: Anne Hufnagl

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Print stirbt aus, Fernsehen schauen die Menschen nur noch, wenn sich angebliche Prominente gegenseitig die Würde nehmen und dass das Radio gerade 100. Geburtstag feiert, interessiert nun wirklich niemanden. Diese Darstellung mag überspitzt sein, völlig fernab von der Realität ist sie angesichts des Medienverhaltens der ‚Generation Z‘ aber nicht. Die ungewisse Zukunft des Journalismus ist nicht nur im Publizistik-Studium ein wichtiges Thema; es ist eines, das die ganze Gesellschaft betrifft.

Umso spannender ist es, zu beobachten, wie neue journalistische Outlets versuchen, sich am Markt zu positionieren. Gabor Steingart hat 2019 dennoch ein neues Medienunternehmen gegründet. Und auch wenn das Start-Up mit dem Namen „The Pioneer“ allerhöchstens Medienprofis ein Begriff sein dürfte, so gehört der Podcast „Steingarts Morgen-Briefing“ zu den beliebtesten in Deutschland. Sowohl die Sendung als auch die einzelnen Folgen sind stets in den Top-10 der deutschen Podcast-Charts auf iTunes. Die Nachrichten-Formate führt Steingart mit seinem werktäglichen Format häufig sogar an.

„Spiegel“, „Handelsblatt“ und jetzt „The Pioneer“

Zur Person: Gabor Steingart ist ein Berliner Journalist, dessen Karriere Anfang der 90er Jahre als Redakteur bei der „Wirtschaftswoche“ und dem „Spiegel“ begann, wo er 1995 zum Ressortleiter Wirtschaft befördert wurde, bevor er 2001 erst das Hauptstadtbüro in Berlin übernahm und 2007 dann das Büro in Washington. Als seine wohl größte Leistung gilt, dass er in seiner Zeit beim „Handelsblatt“ von 2010 bis 2013 (erst als Chefredakteur, dann als Herausgeber) die Zeitung zu einem der führenden Wirtschaftsblätter in Europa gemacht hat. Nachdem er 2018 als Leiter der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group im Streit mit dem Verleger entlassen wurde, gründete er schließlich „The Pioneer“.

Und weil heute niemand mehr Zeitung liest oder Radio hört, sind die journalistischen Inhalte des Start-Ups rein digital. Zum Lesen gibt es Newsletter, zum Hören Podcasts – unter anderem das erwähnte „Morning Briefing“. Zu dem bekannten Podcast gibt es auch einen Newsletter mit dem gleichen Namen, den es sogar schon deutlich länger als „The Pioneer“ gibt. Bereits zu seiner Zeit beim „Handelsblatt“ nutzte Gabor Steingart einen gleichnamigen Newsletter, um in stark kommentierender Form seine Sicht auf aktuelle Geschehnisse zu geben. 

Aber nicht nur die Form der Inhalte ist bei dem jungen Start-Up ein bisschen anders als die der klassischen Medienhäusern (die ja inzwischen ebenfalls vermehrt auf Podcasts und Newsletter setzen), sondern auch die Finanzierung ist außergewöhnlich, wenn nicht einzigartig. „The Pioneer“ lehnt nämlich neben Politikern in Aufsichtsgremien auch Werbung ab – so steht es auf der Website. Stattdessen möchte das Unternehmen „unabhängig von politischem Einfluss und wirtschaftlichen Abhängigkeiten“ schreiben und produzieren. Denn, auch das steht so wörtlich auf der Internetseite, „der wachsenden (sic) Einfluss von Politikern und Lobbygruppen hat dem Journalismus nicht gutgetan und zur Entstehung von Filterblasen beigetragen.“

Ein Abo für 10.000 Euro im Jahr

„The Pioneer“ hingegen möchte sich allein von den Lesern – den „Mit-Herausgebern“ – finanzieren lassen. Mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel dem „Morning Briefing“-Podcast, sind deswegen beinahe alle Inhalte nur hinter einer Bezahlschranke zugänglich. Um diese zu öffnen, gibt es vier Möglichkeiten: monatlich 10, 25, 50 oder 833 Euro (also 10.000 Euro pro Jahr) zahlen. Die ersten drei Stufen bieten dabei im Grunde das Gleiche: Den Zugang zu allen Inhalten von „The Pioneer“. Ein bisschen scheint das Motto zu gelten: ‚Jeder so viel, wie er kann‘. Völlig neu ist das nicht, die „taz“ zum Beispiel hat ein ähnliches Abo-Modell. 

Wer hingegen bereit ist, 10.000 Euro im Jahr zu zahlen – das entspricht etwa 40 Prozent des monatlichen Durchschnittseinkommens in Deutschland – darf sich „ThePioneer Supporter“ nennen und bekommt „exklusive Vorteile“. Auf Anfrage teilt „The Pioneer“ mit, dass man mit diesem Beitrag ein „intellektueller Sparringspartner für neue Ideen in Politik, Wirtschaft und Medien“ werde und darüber hinaus bei „exklusiven Supporter-Events“ und an regelmäßigen „Publisher Calls“ mit Gabor Steingart und Chefredakteur Michael Bröker teilnehmen dürfe.

Doch das ist noch nicht alles: Leser können sich auch direkt am Unternehmen beteiligen – indem sie eine Leseraktie für zunächst mindestens 100.000 (!) Euro kaufen. Ziel sei es, dass das Unternehmen zu einem Zehntel den Lesern gehöre, während 54 Prozent bei Gabor Steingart und Management liegen. Die übrigen 36 Prozent gehören dem Axel Springer Verlag.

Die „PioneerOne“

Und dann ist da noch die „PioneerOne“, das 40 Meter lange und 7 Meter breite Redaktionsschiff, auf dem seit Mitte diesen Jahres alle Inhalte produziert werden. Doch neben einer mobilen Redaktion ist das Schiff, das täglich auf der Spree im Berliner Regierungsviertel unterwegs ist, auch eine weitere Geldquelle. Ist die Pandemie erst einmal vorbei, soll es abends für Veranstaltungen gebucht werden können. Oben erwähnte „Supporter“ erhalten hierbei „Early Access“ und können das Schiff außerdem zu besonderen Konditionen für ihre eigenen Events buchen.

All das nur, um keine Werbung schalten zu müssen und dementsprechend unabhängig von Lobbyismus zu sein? Simon Book, Wirtschaftsredakteur beim „Spiegel“, hat Bedenken bei dem Geschäftsmodell, wie er im Gespräch mit dem Publizissimus erklärt: „Wenn man tagsüber beteuert, man sei unabhängig von Konzernen und Werbeanzeigen, es dann aber abends Veranstaltungen von Privatbankiers auf dem Schiff gibt, wo Herrn Steingart auch noch Redner ist, dann halte ich das zumindest für fragwürdig.“

Vermischung von Geschäft und Journalismus

Simon Book hat im Oktober vergangenen Jahres zusammen mit seinem Kollegen Anton Rainer einen Artikel über Gabor Steingart und sein Unternehmen „The Pioneer“ geschrieben. In diesem berichtet er, dass das Geschäft schlecht laufe und er wirft Steingart vor, Geschäft und Journalismus zu vermischen. „Es war und ist unklar, wer das Projekt wie unterstützt. Interessenskonflikte werden somit mitunter nicht immer deutlich“, findet Book, der sich damit unter anderem auf einen Artikel der „Zeit“ bezieht, der etwa drei Monate vor seinem erschienen ist und aufgedeckt hatte, dass RWE den Strom auf dem Schiff kostenfrei bereitstellt. Erst in Folge darauf machte „The Pioneer“ diese Unterstützung transparent.

„Gabor Steingart pur“

Johannes Altmeyer, CvD und Redaktionsleiter Newsletter, erzählt im Gespräch mit dem Publizissimus, wie die Kritik in der Redaktion aufgenommen wurde: „Wir haben uns geärgert, dass wir an der Stelle nicht ordentlich gearbeitet haben.“ Gleichzeitig betont er allerdings, dass das Geschäftsmodell an sich überhaupt nicht fragwürdig sei: „Alles, was Kooperationen und die PioneerOne angeht, ist ein komplett getrennter Bereich von der redaktionellen Arbeit, es gibt da keine Verwässerung und keine Überschreitung von roten Linien.“ Das mag stimmen, nur scheint die Abgrenzung vom Geschäftsmodell der klassischen Medien dann schon deutlich bemühter.

Johannes Altmeyer, Foto: Michael Setzpfandt

Womit wir bei den Inhalten von „The Pioneer“ wären, die – zugegebenermaßen – für die Leser-Gruppe des Publizissimus vielleicht nur bedingt interessant sind. Das streitet auch Johannes Altmeyer nicht ab, gerade bei den wirtschaftlichen Themen (auf denen klar der Fokus liegt) gehe es darum, was die DAX-Vorstände sowie Entscheider des Landes interessiert – und Gabor Steingart. Zumindest beim „Morning Briefing“-Podcast und -Newsletter. „Im Newsletter steht nichts drin, was er nicht abgenommen hat“, erklärt Johannes Altmeyer. „Das ist Gabor Steingart pur!“

„Apokalypse täglich“

Zwar gebe es auch klassische Nachrichtenformate bei „The Pioneer“, betont Johannes Altmeyer, doch das deutlich bekannteste Produkt ist und bleibt der noch immer frei zugängliche Podcast „Steingarts Morning Briefing“. Dass dieser so sehr von der Meinung geprägt ist, stört Simon Book vom „Spiegel“ nicht: „Es ist völlig legitim, dass Herrn Steingart seine Meinung so pointiert kundtut, dafür ist er schließlich auch bekannt.“ Gleichzeitig aber sei „Hybris eine Lebenseinstellung“ Steingarts, für den es „nicht groß, schnell, wuchtig, laut genug sein“ könne – so steht es in dem „Spiegel“-Artikel, der die angeblich regelmäßige Panikmache mit „Apokalypse täglich“ zusammenfasst.

Im Gespräch mit dem Publizissimus ergänzt Book: „Viele Menschen, die ihn gut kennen, haben uns bestätigt, dass sich die Sicht von Steingart auf die Welt mitunter täglich ändert.“ Das sieht Gabor Steingarts Kollege Johannes Altmeyer naturgemäß ein bisschen anders: „Wenn man ihn beim Handelsblatt und Spiegel erlebt hat, dann kann man ableiten, wie seine Einstellung zu bestimmten Dingen und Personen ist. Gabor Steingart ist ein liberaler, freiheitsliebender Geist.“

Der Vorwurf des Populismus

Simon Book jedenfalls findet: „Gabor Steingart folgt einer Erregungskurve. Er ist sehr gut darin, zu spüren, was die Menschen bewegt und was sie von ihm erwarten.“ Auch wenn er das Wort nicht in den Mund nehmen wollte, klingt das ein wenig nach Populismus – der Gabor Steingart immer wieder vorgeworfen wird. Stefan Niggemeier, Gründer und Herausgeber von „Übermedien“, möchte Steingart nach der Lektüre seines neuen Buches gar die Bezeichnung des Journalisten absprechen und vergleicht die „von Steingart imaginierte Welt“ in einem Artikel teilweise sogar mit der von „Corona-Leugnern, Querfront-Anhängern, Verschwörungsmystikern und Rechtsradikalen“. Johannes Altmeyer findet den Populismus-Vorwurf völlig überzogen: „Wir bekommen die Kritik mit, aber ich kann immer nur betonen, dass es sich beim Morning Briefing um ein Meinungs-Format handelt. Wem das nicht gefällt, der muss es sich ja nicht anhören oder durchlesen. Und mit Blick auf die Vorwürfe des Populismus und der Demokratie-Feindlichkeit, kann ich nur sagen: ‚Leute, lasst die Kirche im Dorf!‘“

Auch wenn sich „The Pioneer“ von den etablierten Größen im Journalismus unterscheide, so sei ihm eines sehr wichtig, betont Johannes Altmeyer am Ende des Gesprächs: „Wir sind kein alternatives Medium.“ Erstens, weil er den Begriff der „Alternative“ aktuell in vielerlei Hinsicht als schwierig betrachtete und zweitens, weil „The Pioneer“ nicht den Anspruch habe, die Größen des deutschen Medienmarktes zu ersetzen.

Simon Book glaubt, genau wie Johannes Altmeyer, dass ein großer Teil der journalistischen Zukunft im Internet liegt. Er ist sich zudem sicher, dass die Menschen bereit sind, hierfür auch hinter Bezahlschranken wie zum Beispiel bei „Spiegel Plus“ zu blicken: „Menschen können und wollen lange, ausgeruhte Recherchen lesen und sind auch bereit, dafür zu zahlen – ob diese Recherchen auf Papier oder digital zu den Menschen kommen, ist am Ende zweitrangig.“ Und dennoch: „Ich bin mir nicht sicher, ob alleine Podcasts und Newsletter ein tragfähiges Geschäftsmodell ergeben und ich glaube, Gabor Steingart weiß auch, dass das nicht funktioniert.“


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