Nähe herstellen, ohne die Macht über die Bilder zu verlieren

Seit einigen Jahren erscheinen auf den gängigen Streaming-Plattformen vermehrt Doku-Serien, die tiefe Einblicke in den Alltag von Fußballmannschaften gewähren. Die Kameras dürfen dabei sogar in die Kabine. Aber wie realistisch sind die Aufnahmen? Und stellen die Dokus eine Gefahr für den Sportjournalismus dar?

Foto: obs/Amazon.de/Andrew Timms

100! So viele Punkte hat das Team von Manchester City in der Saison 2017/18 gesammelt und ist damit souverän englischer Fußballmeister geworden. Sowohl die 100 Punkte als auch die 106 Tore, die Manchester City in dieser Saison erzielte, waren historische Bestmarken in der Premier League, dem englischen Pendant zur deutschen Fußball-Bundesliga. Das Schöne für die Fans von Manchester City: Sie und alle anderen können die Rekordsaison jederzeit wieder und wieder erleben. Denn das Team wurde während der gesamten Spielzeit von einem Kamerateam begleitet – Ergebnis war die Doku-Serie „All or Nothing: Manchester City“, die 2018 auf Amazon Prime erschien.

All or Nothing – Der Trailer zur ManCity-Serie

Die acht Folgen mögen nicht ganz so historisch gut sein, wie es die sportlichen Leistungen von Manchester City in dieser Saison waren. Aber sie sind doch etwas Besonderes, denn die Macher*innen der Serie bekamen etwas, das bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich als unvorstellbar galt: Die Erlaubnis, in der Kabine und bei Taktikbesprechungen zu filmen. Immer wieder zeigt die Serie, wie Pep Guardiola, der Trainer von Manchester City, seine Spieler auf den kommenden Gegner vorbereitet, sie vor dem Spiel motiviert und in der Halbzeitpause kleine taktische Änderungen vornimmt.

AFC Sunderland, Boca Juniors, 1. FC Köln, Bayern München

Was vor drei Jahren noch eine kleine Sensation war, ist inzwischen fast schon normal. Auf dem Amazon-Konkurrent Netflix, gibt es aus dem gleichen Jahr ganz ähnliche Serien über den englischen Klub AFC Sunderland und den argentinischen Rekordmeister Boca Juniors. Borussia Dortmund und der 1. FC waren die ersten deutschen Vereine, die 2019 bzw. 2020 einen Blick in ihre Kabine gewährten. In diesem Jahr erscheint zudem „All or Nothing: FC Bayern München“. Der deutsche Rekordmeister wird nach Manchester City, der brasilianischen Nationalmannschaft und den Tottenham Hotspur der vierte Protagonist in der Fußball-Ausgabe der Amazon-Produktion sein.

Auch wenn Streaming-Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime keine Angaben über die Aufrufzahlen machen, scheinen die Serien beliebt zu sein– sonst würden wohl kaum immer mehr dieser Inhalte erscheinen. Zudem sind die Bewertungen auf „IMDb“ größtenteils gut und bewegen sich im Bereich von 8,0. Dennoch stellt sich die Frage, was sich die Vereine von solch scheinbar tiefen Einblicken hinter ihre Kulissen versprechen. 

Ein Teil der Antwort dürfte die wenigsten Fußballfans überraschen: Es geht natürlich auch um Geld. Die Bild-Zeitung möchte erfahren haben, dass Borussia Dortmund für die Zusammenarbeit mit Amazon rund fünf Millionen Euro erhalten hat. Fast noch wichtiger ist für die Vereine allerdings, dass durch Serien wie „All or Nothing“ weltweit Reichweite und Aufmerksamkeit generiert wird. Im europäischen Fußball herrscht seit einigen Jahren Konsens darüber, dass außerhalb Europas ein großes wirtschaftliches Potenzial liegt. Unter anderem betreibt der FC Bayern deswegen Auslandsbüros in New York und Shanghai. Oliver Kahn, Vorstand der Münchner, sagte bei der Ankündigung der bald erscheinenden Serie: „Diese Dokumentation ist eine großartige Chance, um die weltweite Präsenz des FC Bayern auszubauen. Wir können mit unserer Geschichte Millionen von Menschen erreichen und für uns begeistern.“

Reich der Fiktion

Dass solche PR-Gedanken bei den Vereinen im Vordergrund zu stehen scheinen, ist oftmals der Grund für die teils scharfe Kritik an den Serien. Philipp Köster, Chefredakteur des Fußballmagazins „11Freunde“ schrieb 2019 zum Beispiel:

Fälschlicherweise sind diese Serien allesamt bei den Dokumentationen einsortiert, dabei gehören sie natürlich ins weite Reich der Fiktion. Denn was beispielsweise die oft sehr länglichen Folgen über die Meistersaison von Manchester City so erzählen, hat mit der Realität im englischen Ligafußball fast gar nichts zu tun. Keine stinkenden Füße, kein einziger Streit unter den Spielern, vor allem aber keine einzige Szene, in der die Strippenzieher hinter dem großen City-Theater wirklich sichtbar werden. Einmal wird der jugendliche Scheich Mansour aus Abu Dhabi kurz auf der Tribüne gezeigt, natürlich stilecht als ​„Königliche Hoheit“ betitelt und fröhlich winkend wie die Queen auf Windsor. Kurzum, die Serie erweckt beharrlich den Eindruck, City hätte den ganzen Spaß ausschließlich durch Ticketeinnahmen und freiwilligen Spenden aus der Bevölkerung finanziert. Seifenhersteller sollen sich nach dem Rezept erkundigt haben, so schmierig kamen die Folgen daher.

Tatsächlich ist es schwer vorstellbar, dass in diesen Serien etwas gezeigt wird, mit dem die Vereine nicht einverstanden sind. Dazu passt auch die Aussage von Dortmunds Torhüter Roman Bürki, der bei der Premiere von „Inside Borussia Dortmund“ gegenüber „Sport1“ sagte: „Die Verantwortlichen hätten schon einen Riegel vorgeschoben, wenn etwas wirklich nicht okay gewesen wäre.“ Und sie bestätigt Thomas Gröbner, ein Journalist der „Süddeutschen Zeitung“, der das Doku-Format „ein wunderbares Instrument“ nennt, „um Nähe herzustellen, ohne die Macht über die Bilder zu verlieren“. 

„Hochinteressant, wie es in der Kabine zugeht“

Peter H. Eisenhuth sieht diese Dokumentationen nicht ganz so kritisch. Der ehemalige JGU-Student berichtet seit über 30 Jahren über Mainz 05, zuerst für die Mainzer „Rhein-Zeitung” und seit deren Ende für sein eigenes Sportportal „Sport aus Mainz“ sowie für die FAZ. Im Gespräch mit dem Publizissimus sagt er: „Ich finde es in der Tat hochinteressant, weil du dir als Sportjournalist immer mal wieder wünschst, mitzubekommen, wie es in der Kabine zugeht.“ Gleichzeitig könne auch er sich nicht vorstellen, dass die Filmteams bei der Auswahl der Aufnahmen freie Hand haben: „Das würde meine Erfahrungen mit heutigen Pressabteilungen von Bundesligisten auf den Kopf stellen.“

Diese hat der Journalist in den letzten drei Jahrzehnten reichlich gesammelt. Dabei empfand er vor 30 Jahren, als Mainz 05 noch um den Klassenerhalt in der Zweiten Liga kämpfte und die Kommerzialisierung des Profifußballs nicht so weit fortgeschritten war, vieles als einfacher: „Früher war es Usus, dass der Trainer am Montag nach dem Spieltag für ein Telefonat mit den heimischen Zeitungen bereitstand.“ Das sei für beide Seiten meist ein ergiebiger Dialog gewesen.

Heute müssen sich die Medienvertreter*innen mit den offiziellen Pressekonferenzen zufriedengeben. Bei Einzelinterviews sitzt immer jemand von der Pressestelle dabei. Und: Hinterher müssen die Zitate, egal ob für ein Interview oder einen normalen Fließtext, dem Verein zur Autorisierung vorgelegt werden.

Sportjournalist Peter Eisenhuth, Foto: Privat

Dasselbe gilt für Gespräche mit Spielern: „Früher war es überhaupt kein Problem, mit ihnen zu telefonieren oder sich ins Café zu setzen. Du hast gefragt, sie haben geantwortet, und dann hast du’s geschrieben. So einfach war das“, erzählt Eisenhuth. 

Kein Platz für Kritik?

Weil es aktuell wegen Corona noch nicht einmal die sogenannte „Mixed Zone” gibt, in der Journalist*innen für gewöhnlich ihre Fragen an die Spieler stellen können, müssen sie sich mit den Interviews der vereinseigenen Medien zufriedengeben. „Die O-Töne, die wir verwenden dürfen, bekommen wir in eine WhatsApp-Gruppe geschickt“, berichtet Eisenhuth. „Selbstverständlich ist es aber nicht der Job der Vereinsmitarbeiter, kritische Fragen zu stellen.“

Hinzu kommt, dass die eigenen publizistischen Inhalte der Bundesligavereine heutzutage weit über das klassische Stadionheft hinausgehen. Vor allem Social Media spielt dabei eine große Rolle, aber nicht nur: Der FC Bayern zum Beispiel hat seit 2017 einen eigenen linearen TV-Sender. Hochwertige Streaming-Serien – die im Falle des FC Köln sogar der Verein selbst produziert – sind fast schon die logische Konsequenz einer langjährigen Entwicklung, die auch Eisenhut bei seiner Arbeit beobachtet: „Bei vielen Vereinen herrscht die Tendenz vor, lieber alles selbst zu machen.“

Doch auch diese Medaille hat eine Kehrseite: Die übermäßigen Content-Produktionen von Profiklubs birgt die Gefahr, dass sowohl Fans als auch die Vereine selbst, unabhängige Medien irgendwann als überflüssig wahrnehmen, weil diese auch mal negativ über den eigenen Klub berichten. Diese Befürchtung teilt der Mainzer Sportjournalist allerdings nicht: „Es gibt unter den Fans viele, die auch kritische Analysen und Auseinandersetzungen mit ihrem Verein lesen wollen“, sagt er und ergänzt: „Die Vereine haben ebenfalls gemerkt, dass sie ohne die externen Medien nicht die erforderliche Öffentlichkeit schaffen können. Auch, wenn wir manchmal nerven.“


Ein Gedanke zu „Nähe herstellen, ohne die Macht über die Bilder zu verlieren“

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