Eine Traumreise – Was wäre, wenn die Pandemie morgen einfach vorbei wäre?

Corona bestimmt unser aller Alltag seit mittlerweile über einem Jahr. Durch die aktuellen Entwicklungen und das fortschreitende Impfen, ist ein normaleres Leben für die Meisten wieder zum Greifen nahe. Also drängt sich die Frage auf: Was wäre, wenn Corona morgen passé wäre?

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„Hören Sie mich?“, schreit der Prof in sein Mikrofon. Danach friert sein Bild ein. Er sieht aus wie ein wütender Hamster. Kurz darauf wird sein Bild schwarz. Die Verbindung ist zum dritten Mal in zwanzig Minuten abgebrochen.  Ich sehe die genervten Blicke meiner Kommilitonin*innen. Nein falsch, zweier Kommiliton*innen. Der Rest hat seine Kameras aus. Ob es an den zerzausten Haaren, den merkwürdig verzerrten Gesichtern in Teams oder den fünf Kilo liegt, die man sich aus Frust angefuttert hat: Niemand will gesehen werden, niemand will überhaupt hier sein. Ich lehne mich zurück. Was kotzt mich das alles an. „Als Studentin hast du so viel Freizeit“, wurde mir früher immer gesagt, aber so viel Freizeit wollte ich nie. Ich schaue aus dem Fenster, Regen prasselt auf die Straßen. Der Himmel ist grau, eine tiefhängende Wolkendecke trübt jede Sicht auf gute Laune. Ich will nicht hier sein, also lasse ich meine Gedanken los. Lauft, lauft so weit, ihr könnt!

23. Geburtstagsparty von Anna, 21.07., 18 Uhr. Ich tippe auf den Gruppenchat. Anna, wow die hab ich ewig nicht gesehen. Vielleicht irgendwann im zweiten Semester das letzte Mal. Jetzt bin ich im fünften.  Wie lange ist das her? Ein, zwei Jahre? Von jeglichem Zeitgefühl habe ich mich spätesten seit Corona-Lockdown Nummer Drei verabschiedet. Daten, Uhrzeiten, Termine, nichts davon spielte mehr eine Rolle. Zwanzig Leute sind in Annas Geburtstagsgruppe, die meisten kenne ich gar nicht. Vor zwei Monaten noch, wäre das eine absolute Horror-Vorstellung gewesen. Fremde Menschen, jeder eine potenzielle Gefahr. Doch heute bekomme ich allein bei dem Gedanken, Leute zu treffen, die ich nicht schon hundert Mal gesehen habe, schwitzige Hände. Mein Puls wird höher. Endlich passiert etwas! „Ich komme natürlich!“, tippe ich aufgeregt zurück. Hundert Fragen schießen mir in den Kopf: Was soll ich anziehen, wo kaufe ich ein Geschenk? Monatelang war die Jogginghose das It-Peace meiner Wahl, zusammen mit weiten oversized Shirts und latent fettigen Haaren. Hätte ich mir nicht noch ein Fünkchen Eitelkeit bewahrt, hätte ich wahrscheinlich wieder zu meiner Corona-Uniform gegriffen. Nein, ermahne ich mich. Wir haben Sommer, es ist warm, du gehst unter Menschen und dir ist es wichtig, nicht wie der letzte Hänger auszusehen. Du hast ja auch noch etwas Zeit, beruhige ich mich selbst und vertrage den Gedanken an eine schicke Klamotte. Stattdessen denke ich an ein passendes Geschenk. Aber: Was schenkt man jemandem, den man in den letzten eineinhalb Jahren vielleicht einmal gesehen hat? War Anna die mit dem Pferd oder die, die immer gelesen hat? Ich habe keine Ahnung mehr. Etwas Unverfängliches muss her. Etwas zwischen: „Hey, danke für die Einladung, ich habe dir was Kleines mitgebracht“ und „Ich hatte zu lange keine richtigen Kontakte mehr und hab deswegen völlig übertrieben“. 

Feiern, Freunde, Party, Alkohol – Was war das nochmal? 

Und bitte bringt euren eigenen Alkohol mit, erscheint auf meinem Handy Display. Ach ne, Anna war die Knauserige! Gut, dann gibt’s zum 23. Geburtstag eben eine Flasche Schnaps für dich, Anna. Schnell in die Sneaker geschlüpft, Geldbeutel geschnappt und eh ich mich versehe, laufe ich in den nächsten Supermarkt. Keine lange Schlange vor dem Eingang, kein griesgrämig drein blickender Security-Mann, der nur darauf wartet, dass man sich keinen Einkaufskorb nimmt, herrlich! Mit einem breiten Grinsen laufe ich durch die Gänge. Und das Beste: Jeder kann es sehen, keine schnabelförmig anmutende Atemschutzmaske verdeckt zwei drittel meines Gesichts. Geradewegs steuere ich auf das Regal mit den Spirituosen zu und greife zur erstbesten Flasche, die unter 15,- Euro kostet. War Alkohol schon immer so teuer? Ich kann mich nicht erinnern, schließlich habe ich Silvester letzten Jahres zuletzt ein Shot-Glas in der Hand gehalten. Ich laufe in den nächsten Gang, um für mich zwei Flaschen Bier zu kaufen. Bei meiner unabsichtlich antrainierten niedrigen Promillegrenze sollte das völlig ausreichen, um mich abzuschießen. 

Immer diese gnadenlose Realität

Ich stelle mich an der Kasse an, vor mir ein älteres Ehepaar, hinter mir eine Frau, die hektisch ihre Nudeln aufs Band schmeißt. Zwischen jedem von uns vielleicht 40 cm Abstand. Ein Gefühl leichten Unbehagens steigt in mir auf. Meine Lippen wollen schon das Wort „Mindestabstand?“ zusammen mit einem passiv aggressiven Gesichtsausdruck in das Gemenge werfen, da komme ich wieder zur Besinnung. Was für ein Mindestabstand? Was ist bloß los mit mir? Ich versuche es mit einem zaghaften Lächeln in Richtung der „Nudel-Frau“. Ob sie wohl eine dieser Hamsterkäufer*innen war, damals ganz am Anfang der Pandemie, blitzt ein letzter verwirrter Gedanke in mir auf. Die Frau lächelt unsicher zurück. Doch plötzlich ändert sich ihr Gesichts-Ausdruck schlagartig. „Haben Sie den Text etwas nicht gelesen?“, dröhnt mir eine wütende Stimme entgegen. Was? Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Auf meinem Laptop erkenne ich das Gesicht meines Profs, das immer roter zu werden scheint. Kurz muss ich mich orientieren. Nein, ich freue mich nicht mehr auf Annas Party und nein, ich habe gerade auch keine Freundschaft mit einer fremden Frau im Supermarkt geschlossen. „Eh doch, die Verbindung war nur gerade weg“, versuche ich es mit der unglaubwürdigsten Lüge, die das Online-Semester-Zeitalter zu bieten hat. Ich seufzte, mein Blick schweift wieder aus dem Fenster. Der Regen ist kräftiger geworden, mein Zimmer ist von den immer dunkler werdenden Wolken in ein kühles Grau gefärbt. Was würde ich geben, für ein bisschen Normalität! Oder zumindest, dass, was vor Corona als normal gegolten hat. 

Credits: Sam Mar/Unsplash


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