Das 9-Euro-Ticket-Chaos

Ein Erfahrungsbericht.

Von Taris Froehner

Mittwochvormittag, 11 Uhr. Gleich wird der Regionalexpress (Nr. 4) in Ludwigshafen Hauptbahnhof einfahren – Fahrtrichtung Mainz. Der Zug kommt aus Karlsruhe und entgegen der Erwartungen tatsächlich fast jeden Tag pünktlich. Nicht nur das macht ihn zum perfekten Pendlerzug. Er ist auch meistens so leer, dass man bequem einen Sitzplatz ohne direkten Sitznachbarn bekommt, klimatisiert mit WLAN ausgestattet. Was semesterlang für viele Studierende aus Worms, Frankenthal oder Ludwigshafen Normalität war und ihnen das Leben erleichtert hat, klingt jetzt nur noch wie eine ferne Utopie. Dieser Tage ist man froh, wenn man überhaupt noch in den überfüllten Zug einsteigen kann. Der Grund? Die Einführung des 9-Euro-Tickets.

Abteile voll mit Koffern, Fahrrädern, Kinderwägen und auch dem ein oder anderen Junggesell*innenabschied. Zugfahren ist anstrengend geworden – noch anstrengender als früher. Konnte man früher vielleicht noch die ein oder andere Hausaufgabe erledigen, oder eine Serie auf Netflix anschauen, steht man sich nun zwischen hunderten müden und frustrierten Menschen die Beine in den Bauch. Das stellt nicht nur die Geduld  professioneller Pendler*innen auf die Probe. Man wird auch vor eine Art moralischer Herausforderung gestellt. Natürlich möchte man, dass möglichst viele Menschen die Bahn nutzen und ihre Autos dafür stehen lassen. Je mehr, desto besser. Aber müssen sie unbedingt in meinem Zug mitfahren?

Seitdem das 9-Euro-Ticket auf dem Markt ist, ist kein Zug pünktlich gekommen – selbst wenn er zeitig am Startbahnhof losfährt, auf der Strecke sammelt er meist mindestens zehn Minuten Verspätung ein. Sei es die berühmte „Vorausfahrt eines anderen verspäteten Zuges“, oder dass die Türen sich wegen der schieren Menge an Mitfahrenden nicht schließen können. Das Ergebnis: Frust und schlechte Laune, die sich zum Teil sogar in Aggression umwandeln können. Erst Anfang der Woche kam es fast zu einer Schlägerei zwischen zwei Männern. Der einzige Grund, weshalb es am Ende nicht zu Handgreiflichkeiten kam: Die Gänge waren so voll, dass sich die Herren physisch nicht erreichen konnten.

Nun werden die ersten Stimmen laut, das 9-Euro-Ticket wäre eine Fehlentscheidung gewesen. Aber das stimmt nicht. Ja, die Deutsche Bahn ist nicht für die Kapazitäten ausgelegt und ja, bei der Einführung des Tickets sind einige Fehler passiert. Das alles ändert aber nichts daran, dass die Entscheidung an sich eine der besten der Ampelkoalition war. Wenn man eines an den überfüllten Zügen ablesen kann, ist es, dass die Menschen die Bahn als Verkehrsmittel nutzen wollen. Dass sie das Auto stehen lassen, sobald Zugfahren erschwinglich ist. Über 16 Millionen Tickets wurden bisher verkauft. Dabei sind diejenigen, die bereits ein Dauerticket hatten, das sie jetzt als 9-Euro-Ticket nutzen können, noch nicht eingeschlossen. Diese Erkenntnisse sind wichtig. Auch für die Politik. Und auch, dass dringend Geld in den Ausbau der Streckennetze (vor allem in ländlichen Gegenden) und der Kapazitäten der Bahn gesteckt werden muss.

Wenn dieses Experiment also dazu führt, dass Zugfahren in Zukunft für alle möglich wird – sowohl finanziell als auch logistisch – dann halten auch wir Pendler*innen das aktuelle Chaos noch bis September aus. Und wenn der Regionalexpress mal wieder so voll ist, dass man am Ende am Bahnsteig zurück bleibt, dann heißt es, einmal tief durchatmen und von einer Welt mit modernen, klimatisierten und leeren Zügen träumen. Eins ist sicher: Die nächste S-Bahn kommt bestimmt!


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