Ist doch gar nicht so gemeint.

Von der Straße in die Mitte der Gesellschaft: Deutschrap läuft im Radio und im Club, erobert die Charts und gewinnt Preise. Doch das, was so mancher Rapper von sich gibt, ist oft diskriminierend und sehr oft sexistisch. Wie lassen sich solche Texte immer noch rechtfertigen?

Illustration: Helena Burkhardt

***Triggerwarnung: Im Artikel wird (sexualisierte) Gewalt beschrieben und in Form von Beispielen aufgeführt.***

Die Akademiker*innen von heute: Sie sind woke, gehen gegen rechts demonstrieren, sie engagieren sich. Sie studieren Politikwissenschaft oder Ethnologie oder eben was mit Medien und sind sich ihrer Privilegien bewusst. Tragen Secondhand, gendern im fließenden Sprachgebrauch, auf Postkarten und im Uni-Seminar. Sie fragen dich, ob du Vegetarier*in oder Veganer*in bist. Und sie sind Feminist*innen, schreiben sich diese Selbstbezeichnung in ihre Tinder- und Instagram-Bios. Doch dann gibt es diesen einen Punkt, an dem Moral- und Wertvorstellungen über Bord geworfen werden. An dem sich nicht mehr gegen Unterdrückung positioniert, sondern einfach mitgemacht wird: Nämlich dann, wenn auf der Uni-Party Deutschrap läuft und mitgegrölt wird. 

Deutschrap ist im Mainstream angekommen, Capital Bra und Apache 207 laufen in Clubs genauso wie in Kinderzimmern von Zwölfjährigen. Die Hälfte der Top Ten der deutschen Streaming-Charts besteht aus Deutschrap. Allein Bonez MC, ein Mitglied des Hamburger Rap-Kollektivs 187er Straßenbande, ist zweimal vertreten. Derselbe Bonez, der in seinem Lied „Lebenslauf“ rappt: „Baller der Alten die Drogen ins Glas // Hauptsache, Joe hat sein’ Spaß“.

Millionenfache Klicks für Gewaltfantasien

Die Kampagne „Unhate Women“ druckt frauenverachtende Texte aus dem Deutschrap plakativ über ernste Frauengesichter, auch Bonez‘ Textzeile ist mit dabei. Darunter sind die Namen der Interpreten und die Zahl der Aufrufe der Musikvideos auf Youtube zu lesen. „Die Bitches heute wollen Jungfrau bleiben/Zwei Optionen – Arsch oder Mund auf, Kleines“ – Kollegah und Farid Bang, über 11 Millionen Aufrufe. „Es ist Kampfgeschrei, was nachts aus unserem Schlafzimmer dringt/Weil dank mir in deinem Gleitgel ein paar Glassplitter sind“ – Finch Asozial, über vier Millionen Aufrufe. Vor dem Video des Rappers schaltet Youtube eine Altersbeschränkung, darunter stehen Kommentare wie „Perfekt für Feministinnen (Lachsmileys)“ oder „Da lernt man Sexualverhalten“.

Dass Deutschrap ein Sexismus-Problem hat, ist keine neue Enthüllung. Aber wie kann es sein, dass im Jahr 2020 immer noch so offen Gewalt an Frauen verherrlicht und damit Erfolg generiert wird? Ob mit sexualisierter Gewalt, der Reproduktion von veralteten Rollenbildern oder der schlichten Degradierung von Frauen – auch nach #aufschrei und #metoo wird mit Gewaltdarstellungen im Rap-Geschäft Geld verdient. Wie lässt sich das rechtfertigen?

„Das bin ja gar nicht ich“ – sondern nur mein Alter Ego

Auffällig ist, dass sich die Erklärungen, welche die Interpreten bei heiklen Interview-Fragen von sich geben, zu sich stets wiederholenden Mustern zusammenfügen. Eines dieser Muster ist die Kunstfigur. Das, was der Rapper als Künstler von sich gibt, ist erstmal Kunst und von der Kunstfreiheit gedeckt. Das muss niemandem gefallen, ist aber legal. Die Kunstfigur an sich unterliegt keiner strengeren Reglementierung als jede Normalperson. Artikel 5 des Grundgesetzes, „jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“, sichert dies. Dennoch wird die Kunstfigur oft als Mittel missbraucht, um Meinungen kundzutun, welche der Künstler als Privatperson wohl eher nicht in der Öffentlichkeit aussprechen würde, ohne sich mit negativen Reaktionen auseinandersetzen zu müssen. Als Satire oder eben als Kunst gelabelt kann man diese Meinungen kundtun und bei negativen Reaktionen auf die Kunstfreiheit verweisen, um eine thematische, die kundgetane Meinung betreffende Auseinandersetzung aus dem Fokus der Diskussion zu rücken.

Es gibt nichtsdestotrotz viele Rapper, die Kunstfiguren als Stilmittel verwenden und auch klar von dieser abzugrenzen sind. Paradebeispiel dafür sind K.I.Z., welche vor allem mit wechselnden Kunstfiguren arbeiten. Wenn sie aus der Perspektive eines Kindes, welches seine Eltern für seine harte Kindheit abstrafen will, singen, wie in „Käfigbett“, oder sich als gottähnliche Wesen inszenieren, wie in „Wir“, sind diese Figuren recht deutlich nicht in der Lebensrealität der Künstler selbst anzusiedeln. Inwiefern sich Interpreten unter diesem Gesichtspunkt differenzieren lassen, ist aber leider oft schwammig und nur individuell beantwortbar. Im Kern steht hier die Frage: Wie lassen sich Kunst und Künstler trennen, oder sind sie ein Gesamtkunstwerk? Wieviel vom Künstler steckt zwangsläufig in seiner Kunst?

Rapper als „Kinder ihres Lebens“?

Oft wird auch damit argumentiert, die sexistischen Texte seien vor allem eine Reproduktion der Lebenswelt der Rapper und eine Darstellung dessen, wie diese auf die Welt und in diesem Fall auf Frauen blicken. Rapper Fler sagte in einem Interview mit dem Stern: „Wenn man meine Musik ändern will, dann ändere doch meine Welt, in der ich lebe. Ganz einfach.“ und wehrt Kritik an seinen Texten als herablassend und arrogant ab. Wer in einem besseren Umfeld aufgewachsen sei, könne nicht mit der Moralkeule in Richtung derer schwingen, welche nicht so viel Glück gehabt haben. In einem sexistischen Umfeld aufgewachsen zu sein oder sich immer noch in einem solchen zu befinden ist jedoch eine sehr einfach gestrickte Erklärung, um Verantwortung für Textzeilen wie die oben genannten von sich zu weisen. Das Narrativ des „harten Lebens früher auf der Straße“ trifft hier je nach Rapper mal mehr, mal weniger zu. Denn: Man muss kein Gangster-Rapper mit Knasterfahrung sein, um in seinen Texten sexistische Formulierungen zu verwenden. In den Charts vertretene Interpreten wie Apache 207 oder Bausa sind zwar mit weniger direkten Gewaltfantasien vertreten, benutzen aber trotzdem frauenverachtende Sprache („Du bist die arrogante Fotze, die niemanden anguckt“, Apache 207 in „Kleine Hure) oder erwarten Dankbarkeit für etwas Menschlichkeit („Es gibt keinen Gang-Rape, nein // Ich bin so korrekt und bring’ dich heim“, Bausa in „Bambi“).

Wer seine musikalischen Anfänge im Battle-Rap versucht hat, ist ebenfalls anfällig für sexistische Sprache: Dort ist alles erlaubt, was den oder die Gegner*in trifft. Finch Asozial beschreibt diese Situation in einem Interview mit der taz als Möglichkeit „auf der Bühne Sachen zu sagen, die man auf der Straße nicht sagen könnte“. Dennoch: Rap-Battles sind eine Welt für sich, nicht eins zu eins zu vergleichen mit kommerziell produziertem Rap und daher auch nicht als einzige Erklärung für sexistische Texte außerhalb dieser Welt zu sehen.

Sprache und Taten

Die Freiheit, die Finch Asozial auf der Bühne genießt, zieht er unter anderem daraus, zu wissen zu glauben, wie seine Fans seine Kunst verstehen. Er appelliert in einem Interview mit jetzt „an den gesunden Menschenverstand“ seiner Fans, die wissen, dass er nicht alles meine, was er sage. In seine laut ihm „sinnlosen Aussagen“ mehr als Provokation hineinzuinterpretieren und diese ernst zu nehmen, hält er für „dämlich“. Doch Sprache, so sinnlos oder schlicht provokativ sie in diesem Fall auch gemeint sein mag, ist trotzdem ein mächtiges Werkzeug. Sie schafft Realität und prägt Sichtweisen – sowohl positiv als auch negativ. Und dass Worte nicht immer weit von Taten entfernt sein müssen, zeigt beispielhaft eine Studie der Universität Granada aus dem Jahr 2009, die einen Zusammenhang zwischen sexistischen Witzen und sogenannter „rape proclivity“, grob übersetzt als „Neigung zur Vergewaltigung“, belegt. Laut den Forscher*innen kann dies darauf zurückzuführen sein, dass der Kontakt mit sexistischen Witzen eine komfortable Situation schaffe, um negative Ansichten über Frauen zu teilen. Das zeigt: Sprache ist nicht gleich Tat, aber Sprache kann den Weg zu dieser ebnen. Denn Gewalt gegen Frauen ist immer noch bittere Realität: Im vergangenen Jahr wurde laut Kriminalstatistik fast jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet.

Alles nur Provokation und Absicht

Ein weiteres beliebtes Argument: Der Künstler habe jene Zeile nicht wörtlich, sondern bildlich gesprochen gemeint. Wie auch das der Kunstfigur ist Ironie ein Narrativ, welches die Deutungshoheit auf den Künstler legt, welcher als Einziger weiß, wie seine Texte gemeint sind und der „Pöbel“ diese zu verstehen hat. Andere Einschätzungen können leicht als falsch oder „den Witz nicht verstehend“ dargestellt werden. Dies ist eine mächtige Position, mit der mit Bedacht umgegangen werden sollte. Hier muss auch der Hintergrund des Künstlers beachtet werden: Wer trifft diese Aussage, indem er sie rappt? Wer hat die Macht, die getroffenen Aussagen zu interpretieren? Wer gehört zum direkten Umfeld und Publikum des Künstlers? Wer berichtet über die Aussage?

Im Deutschrap sind diese Fragen meist gleich zu beantworten: heterosexuelle Cis-Männer. In der Szene sind Rapperinnen genauso deutlich in der Unterzahl wie auch in der Branche aktive Journalistinnen, Produzentinnen, Managerinnen oder Regisseurinnen der Musikvideos. Somit stehen die Künstler in einem privilegierten Raum, in dem Aussagen und Texte wie solche aus der „Unhate Women“-Kampagne nicht auf direkte Betroffenheit stoßen, was einen deutlichen Unterschied in der Akzeptanz solcher Texte macht. Auch die Tatsache, dass die Künstler als Männer selbst nicht zu der in den sexistischen Texten angesprochenen Gruppe gehören, verstärkt die Machtposition.

Frauen an die Macht, oder: Wer benutzt denn jetzt mehr Schimpfwörter?

Die Zeiten ändern sich langsam. Mit dem Duo SXTN (mittlerweile aufgeteilt in die Solo-Künstlerinnen Juju und Nura), Loredana, Shirin David oder Schwesta Ewa sind mittlerweile mehr Frauen, oder zumindest mal überhaupt Frauen, im Deutschrap vertreten und bekannt. Interessanterweise nutzten beispielsweise SXTN laut einer Analyse des Spiegels selbst die meisten sexistischen Begriffe aller analysierten Künstler*innen. Durchschnittlich sieben Mal pro Song fielen bei ihnen klar definierte sexistische Begriffe. Jedoch handelt es sich bei diesen oft um Selbstbezeichnungen, wie zum Beispiel die Zeile „Ich geh’ heut mit meinen Fotzen in Club“, welche beschreibt, wie sie mit ihren Freund*innen feiern gehen. SXTN nutzen die verachtenden Begriffe der anderen für ihr eigenes Empowerment und drehen den Spieß damit um.

Nicht nur Rapperinnen mischen die oft homogene Welt des Raps auf, auch Männern kann das gelingen. Seit 2011 veranstalten KIZ jedes Jahr am 8. März, dem Weltfrauentag, ein Frauenkonzert, zu dem nur Frauen Eintritt haben. Im Jahr 2018 setzten sie noch eins obendrauf und gingen mit dem Konzept auf Tour – acht Konzerte, nur für Frauen. Der Name ist Programm, Männer werden wirklich nicht reingelassen – das sorgt auch mal für Unmut bei einigen, die es doch noch an der Abendkasse probieren und scheitern. K.I.Z. selbst stehen verkleidet als Nonne oder Ballerina auf der Bühne. Die Dynamik verändert sich, das mit den Texten angesprochene Publikum ebenfalls. Es macht eben doch einen Unterschied, wer dort im Zuschauerraum vertreten ist – deutlich zu sehen daran, wie die Lines im Publikum gefeiert werden.

Was darf Rap, aber womit muss er trotzdem rechnen? 

Sexismus im Rap ist zweifellos ein kontroverses Thema. Die Kunstfreiheit, wer was über wen sagt, wo Ironie anfängt und wo sie aufhört – das alles sind Fragen, die für diese Diskussion wichtig sind. Und die wiederum neue Fragen aufwerfen, welche berücksichtigt werden müssen. Dennoch stehen einige Punkte fest: Sexismus im Deutschrap existiert. Punkt. Man darf Deutschrap dafür kritisieren. Dennoch gilt die Kunstfreiheit, und es ist sehr wichtig, dass sie gilt. Sie zu untergraben, zu zensieren und zu verbieten, ist nicht das Ziel. Das Ziel muss es sein, ein Bewusstsein für frauenverachtende Sprache in der Musik zu schaffen. Sollte alles, was gesagt werden darf, auch gesagt werden? Jegliche Künstler, auch Rapper, dürfen kritisiert werden für ihre Kunst. Denn Kunstfreiheit bedeutet nicht, mit jeglicher Kunst Anspruch auf Gutheißung anderer zu haben. 

Sexismus ist eine Form der Diskriminierung, gegen die es sich zu kämpfen lohnt. Denn es gibt deutliche Muster, die zu erkennen sind, wenn im Deutschrap problematische Texte angesprochen werden. Phrasen, die immer und immer wieder wiederholt werden, weil sich auch der Sexismus in den Texten immer und immer wieder wiederholt. Das bedeutet nicht, dass diese Erklärungen nicht in einzelnen Fällen vollkommen legitim sein können, dass Künstler und Werk miteinander gleichzusetzen sind oder dass Ironie und Provokation nicht existieren. Aber: Diese Begründungen können und sollten nicht Ausrede und Rechtfertigung für alles sein. 

Heißt das, dass man jetzt keine Lieder von Kollegah mehr hören darf? Ist der Deutschrap als Genre zu boykottieren? Muss die Uni-Party nur noch politisch korrekte Songs spielen, in denen im besten Fall noch gegendert wird? Nein, das muss sie nicht. Aber sich darüber bewusst zu werden, wie viel Sexismus in manchen Liedzeilen steckt, die man so nebenbei im Alltag hört, ist trotzdem wichtig und vor allem leider eines: nötig.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.