„The Dissident“: Anschauen, nicht wegschauen!

Erschreckend, aufklärend und schonungslos ehrlich: „The Dissident“ ist alles in einem. Regisseur Bryan Fogel deckt in seiner neuen Dokumentation den Mord am saudischen Journalisten Jamal Khashoggi auf und warnt vor den Machenschaften der skrupellosen Öl-Monarchie. Ein Polit-Thriller, der wachrüttelt und die Wahrheit nicht vergessen lässt.

Credits: April Brady – Project on Middle East Democracy (CC BY 2.0)

„Warte auf mich. Es wird nicht lange dauern“, das waren die letzten Worte, die Jamal Khashoggi seiner Verlobten zusprach, bevor er am 2. Oktober 2018 das saudische Konsulat in Istanbul betrat. Das Gebäude würde er jedoch nie wieder verlassen. Auf ihn wartet bereits ein Killerkommando im Auftrag des saudischen Kronprinzen. Sie ersticken den Journalisten, zerteilen ihn mit einer Knochensäge und entsorgen seine Leiche in Mülltüten. Der Grund: Khashoggi galt als unerbittlicher Kritiker des saudi-arabischen Königshauses, insbesondere des Kronprinzen Mohammad bin Salman, kurz MbS. Dieser sieht sich selbst eigentlich als Reformer, wer aber nicht seiner Meinung ist, wird bestraft. So auch Jamal Khashoggi. Der Investigativ-Journalist klärte über Missstände sowie Menschenrechtsverletzungen im Land auf und setzte sich für die Meinungsfreiheit ein.

Die Hintergründe seines kaltblütigen Mordes werden nun in der True-Crime-Dokumentation „The Dissident“ aus dem Jahr 2020 von Regisseur Bryan Fogel aufgearbeitet. Unterstützt durch zuvor unbekannte Video- und Tonaufnahmen der türkischen Behörde, rekonstruiert der Dokumentarfilm die Ermordung mit erschreckenden Einzelheiten. Dabei wird nicht nur Kritik an der politischen Situation in Saudi-Arabien ausgeübt, sondern auch das korrumpierte Verhältnis von US-Präsident Donald Trump zur Königsfamilie beleuchtet. Besonders die Machtkämpfe, die MbS im digitalen Raum über Twitter probt und die technischen Hilfsmittel, mit denen er Aktivist*innen mundtot macht, gehören zu den weniger bekannten Facetten des Falls Khashoggi, mit denen sich der Film ausführlich auseinandersetzt. 

Ein Verbrechen, eine Verlobte und ein Videoblogger 

Obwohl „The Dissident“ eigentlich als eine Dokumentation über Jamal Khashoggi vermarktet wird, wird nicht sein gesamter Lebenslauf behandelt, sondern in erster Linie die letzten Jahre des Journalisten. Das liegt vermutlich daran, dass Khashoggis Geschichte besonders über die Menschen erzählt wird, die ihn in dieser Zeit begleitet haben. An erster Stelle stehen dabei seine Verlobte Hatice Cengiz und der junge saudische Videoblogger Omar Abdulaziz, die über die Hintergründe des Mordes mit ihren eigenen Erzählungen aufklären und uns durch den gesamten Film leiten. Ihren Geschichten kommt ebenso viel Bedeutung zu, wie der des Hauptprotagonisten Khashoggi selbst. 

Der offizielle Trailer zur Doku

Die emotionalen Beiträge der Lebensgefährtin Hatice sind es, die die Dokumentation zu etwas Besonderem machen. Sie lässt uns an ihrer Trauer, dem Frust und der Angst teilhaben, die sie bis heute begleiten. Ihr unnachgiebiger Ehrgeiz wissen zu wollen, was im Konsulat wirklich geschah und ihr Verlangen, die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen, treibt die Doku voran. Hatice Cengiz schweigt nicht. Der Film zeigt, wie sie vor Journalisten*innen in der Türkei, dem US-Kongress und den Vereinten Nationen spricht. Sie bringt emotionale Wärme in dieses Politdrama, wodurch uns nicht nur nähergebracht wird, was Jamals Ermordung in einem politischen Kontext bedeutet hat, sondern auch, wie seine Mitmenschen persönlich damit umgehen mussten. Khashoggi war in erster Linie eben nicht Journalist, sondern ein Partner und guter Freund. 

Auch Omars Geschichte spielt in diesem Film eine bedeutende Rolle. Er fühlt sich für Khashoggis Tod verantwortlich und meint, durch ihn habe Khashoggi die Grenze zwischen investigativem Journalismus und aktivistischer Regimekritik überschritten. Khashoggi unterstützte damals seinen Freund Omar bei dessen Plan, eine eigene Twitter-Armee von Aktivist*innen aufzubauen, um gegen die Unterdrückung der Regierung in den sozialen Medien anzukämpfen. Abdulaziz selbst ist ebenfalls Dissident, der sich als Vertreter der jüngeren Generationen in YouTube-Videos und auf Twitter klar gegen das Regime äußert. Auch er lässt uns an seinem Schicksal als Geflüchteter und dem seiner Familie teilhaben, die für sein Handeln in Saudi-Arabien bestraft wird. Mutig setzt er dennoch die gemeinsame Mission fort und klärt weiter gegen Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien auf. Seine Geschichte verleiht der Dokumentation eine weitere Ebene an Komplexität und zeigt, dass Jamal Khashoggis Arbeit Teil von etwas viel Größerem war.

Lob und Kritik gehen Hand in Hand 

Die Fülle an Videomaterial und die komplexe Gestaltung führt jedoch dazu, dass sich der Film auf ganze zwei Stunden zieht. Inhaltlich wird eine Menge an interessantem Input und verschiedenen Themenfeldern abgedeckt, dabei droht jedoch, die Orientierung über die Geschehnisse zu verlieren. Wir lernen viele unterschiedliche Akteure kennen und folgen der Geschichte über zahlreiche Ortswechsel und Ländergrenzen hinweg. Bei den Zuschauern kann dabei schon mal Verwirrung entstehen. Die Szenen scheinen wie zusammengewürfelt aneinander gereiht zu sein, denn eine klare Erzählstruktur und Chronologie sind schwer erkennbar. Das Potenzial, dieses Projekt auch in Form einer Mini-Serie zu realisieren, wie viele True-Crime-Dokumentationen auf Netflix, hätte es von der Menge an Material auf jeden Fall gegeben. Vielleicht hätte sich so leichter ein roter Faden durch die einzelnen Episoden gezogen. Durch dramatische Musik, visuelle Effekte und aufwendige Computersimulationen wird versucht, die Aufmerksamkeit der Zuschauer dennoch auf einem Maximum zu halten. Teilweise fühlt man sich beim Zusehen aber eher, als würde man einen spannenden Thriller und keine informative Dokumentation schauen. Nichtsdestotrotz bringt diese Art der Aufmachung frischen Wind in das Format. Spannungsaufbau steht an erster Stelle und das gelingt auch definitiv.

Was die Dokumentation von anderen Vorläufern absolut abhebt, ist die hervorragende Zusammenarbeit mit der türkischen Polizei. Diese gewährte Regisseur Fogel, während seiner zweijährigen Recherchearbeit, Zugang zu bis dahin unveröffentlichten Ermittlungsprotokollen und Tonaufnahmen, mit denen der Mord im Konsulat dokumentiert wurde. Der türkische Geheimdienst hatte die saudische Botschaft damals verwanzt, sodass alle Gespräche über die Vorbereitung des Mordes und der Kampf zwischen Khashoggi und seinen Mördern aufgezeichnet sind. Einige dieser direkten Zitate sowie entscheidendes Videomaterial vom Tatort und den weiteren Ermittlungen werden geschickt in den Handlungsablauf eingefädelt. 

Auch in der Filmindustrie hat Saudi-Arabien die Finger im Spiel 

Fogel hat es schon einmal geschafft, mit einer Filmproduktion ein mittelschweres politisches Erdbeben auszulösen. Die Enthüllungen über den staatlich geförderten russischen Dopingskandal in seinem Oscar-prämierten Film „Ikarus“, hatten entscheidenden Anteil daran, dass Russland von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wird. Ähnliche politische Sprengkraft hat sich der Regisseur auch von seinem neuesten Projekt erhofft. Bereits zu Beginn fiel es jedoch schwer, Partner für die Finanzierung von „The Dissident“ zu finden. Letztendlich konnte der Film nur durch finanzielle Unterstützung der Non-Profit-Organisation „Human Rights Foundation“ realisiert werden. Nach der Premiere am Sundance Film Festival 2020, wurde dem Regisseur überwiegend positive Rückmeldung von Zuschauer*innen und Kritiker*innen für seine Arbeit zugesprochen, Angebote zur Veröffentlichung der Dokumentation von hoch angesehenen Streaming-Plattformen wie Netflix und Amazon Prime, blieben jedoch erst mal aus. Fogel kritisierte, dass sich diese Anbieter bewusst dazu entschieden hätten, ihr Business-Interesse über Verletzungen der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit zu stellen. Saudi-Arabien zählt in der Industrie zu einem der lukrativsten Wachstumsmärkte und wird daher mit äußerster Vorsicht behandelt. Mittlerweile hat sich Amazon Prime entschlossen, den Film in ihr Programm aufzunehmen. Wohl nicht zuletzt, weil Jeff Bezos als Leiter des Konzerns und der Washington Post Arbeitgeber Khashoggis war und zudem privat in die Geschichte eingebunden ist. 

Jamal Khashoggis brutaler Mord bleibt bis heute ungestraft und ohne echte Aufklärung, obwohl die Beweismaterialien ausreichend belastend erscheinen sollten. Die Unterdrückung der Menschenrechtsaktivist*innen in Saudi-Arabien ist weltweit bekannt, dagegen unternommen wird jedoch wenig bis gar nichts. Auch das politisch-wirtschaftliche Alltagsgeschäft ließ sich von den Anschuldigungen gegen die saudi-arabische Königsfamilie nicht sonderlich aus der Ruhe bringen. Noch im selben Jahr besuchten einige amerikanische und europäische Unternehmen eine Handelsmesse in Saudi-Arabien und am G20-Gipfel im Jahr 2020, in dem das Land Gastgeber war, nahmen alle Mitglieder teil. 

Klare Filmempfehlung: Anschauen, nicht wegschauen!

Gerade deswegen sollte „The Dissident“ zu den Must-haves auf jeder Watchlist zählen. Bestimmt handelt es sich hier um kein kinematografisches Meisterwerk und auch wenn der Film mit vielen, bereits bekannten Inhalten arbeitet, ist er äußerst informativ und zeigt die Ernsthaftigkeit an Khashoggis Ermordung und der Verwicklung des saudi-arabischen Königshauses schonungslos auf. Die Welt wird fortwährend an ein menschenverachtendes Verbrechen mit unvorstellbarem Ausmaß erinnert, welches gleichermaßen für den Mut von Gerechtigkeits- und Freiheitskämpfer*innen, sowie für die Skrupellosigkeit von Autokraten steht. Bryan Fogel sorgt mit seiner Arbeit dafür, dass das Schicksal von Jamal Khashoggi und anderen saudischen Aktivist*innen nicht in Vergessenheit gerät.


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