Die ZEIT geht mit der Zeit – Zwischen Tradition und Veränderung

Fast alle deutschen Zeitungen haben mit sinkenden Auflagen zu kämpfen. Doch ein deutsches Printmedium beweist bereits seit 75 Jahren, dass Print lebt: Die ZEIT. Sie konnte als einziges großes Print-Produkt ihre Auflage in den letzten Jahren leicht steigern. Doch wie genau begeistert die ZEIT auch junge Leser*innen für Print und Nachrichten? Ein Blick hinter die Kulissen der Hamburger Wochenzeitung offenbart deren spannende Entwicklung und ihr Erfolgskonzept.

Illustration: Helena Burkhardt

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Was macht den Erfolg der ZEIT aus?

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Es ist kurz vor Andruck bei der ZEIT in der historischen US-Präsidentschaftswahlnacht 2020. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schaut sich die geplanten Seiten für die morgige Ausgabe an. Mit dabei: Ein Kamerateam des NDR, das ihn für eine Dokumentation über „75 Jahre Zeit“ filmt (“Die Zeit” – Eine Wochenzeitung wird 75 | NDR.de – Fernsehen). Der Ausgang der Wahlnacht: unklar. Genauso wie die Titelseite der ZEIT. Dem Chefredakteur gefällt das Layout nicht, er bespricht sich mit Kolleg*innen und bleibt ruhig, selbst wenn diese ihn zu Entscheidungen drängen wollen: „Nein, wir lassen uns jetzt nicht wild machen.“ 

Mit dieser durchdachten Art hat auch di Lorenzo dazu beigetragen, dass sich die ZEIT bereits seit 75 Jahren auf dem Medienmarkt behaupten kann. Doch wofür steht die ZEIT heute, was macht sie aus und warum kaufen Leser*innen das knapp 70 Seiten lange Druckwerk? Giovanni di Lorenzo selbst liefert folgenden Erklärungsansatz: „Man muss auch immer wieder die Bereitschaft haben, sich zu verändern, auch wenn das uns selbst wehtut.“ Und das hat die ZEIT in den letzten 75 Jahren offenbar geschafft. Doch nicht nur Veränderungen haben sie erfolgreich gemacht, sondern auch ihre individuellen Eigenschaften, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben: So berichtet die Wochenzeitung auch weiterhin darüber, was falsch läuft. Sie kritisiert, kommentiert und ordnet ein. 

Wichtig und vor allem bezeichnend dafür ist die Unabhängigkeit durch Selbstfinanzierung, wie di Lorenzo auch in der NDR-Dokumentation betont: „Wir verdanken unsere Unabhängigkeit der Tatsache, dass wir mit großem Aufwand recherchieren können und an keinem Gängelband hängen. Wir brauchen keine Subventionen, nichts. Und das können wir nur, indem wir so viel Geld einnehmen, dass wir diesen großen Apparat bei der ZEIT, Print, Online und in Magazinen, finanzieren können.“ So kann sich die ZEIT auch ihr bekanntes Investigativ-Ressort leisten. Das ist für die Redakteur*innen rechercheaufwendig und auch risikoreich, denn es gibt nie die Garantie für eine exklusive Story. Jede Recherche kann auch stecken bleiben. Die Reporter*innen sind teilweise monatelang unterwegs und auch hierfür ist die Unabhängigkeit der Zeitung wichtig, damit die Recherchen in eigener Regie ablaufen können. 

Diese zentralen Punkte scheinen zu dem Erfolg der ZEIT beizutragen, doch mindestens genauso wichtig dürfte ein Blick auf die Leser*innen sein – von denen lebt eine Zeitung schließlich. Bei der ZEIT machen 70 Prozent der Auflage die Abonnements aus, was im Vergleich zu anderen überregionalen Zeitungen recht viel ist. Deswegen versucht die Zeitung mit verschiedenen Aktionen immer wieder Lesernähe zu schaffen (75. Geburtstag der ZEIT: Wir suchen 75 Ideen für ein besseres Leben | ZEITmagazin). Regelmäßig werden Events für Leser*innen veranstaltet, in normalen Jahren sind es über 100 mit verschiedenen Themenschwerpunkten und entsprechenden Gästen. Wegen Corona beantwortet die stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert momentan Fragen von Leser*innen per Liveschalte. 

Wenn von dem Erfolg der ZEIT die Rede ist, müssen zudem ZEIT Online und Magazine wie „ZEIT Verbrechen“ oder „ZEIT Wissen“ als wichtiger Bestandteil des ZEIT-Imperiums betrachtet werden. ZEIT Online erreicht mittlerweile täglich mehrere Millionen Menschen. Bei den Magazinen ist gerade bei jungen Rezipient*innen das Thema „True Crime“ besonders beliebt. Hier war die ZEIT quasi Vorreiter in Deutschland. Die Idee für das Magazin „ZEIT Verbrechen“ hatte Sabine Rückert, die zuvor selbst zwölf Jahre lang über Gerichtsverfahren berichtete. Ergänzend zu dem Magazin erscheint auch ein Podcast, der dem Magazin ursprünglich mehr Reichweite bringen sollte. Heute zählt er zu den erfolgreichsten in Deutschland. Rückert erzählt in jeder Folge einem Kollegen von alten Kriminalfällen, über die sie zuvor in der ZEIT berichtet hat. Unterstützung bekommt sie auch aus anderen Ressorts, wie im „Fall Wirecard“, als der Ressortleiter Wirtschaft zu Gast war. Wegen der Beliebtheit des Themas gibt es mittlerweile auch in der Wochenzeitung eine ganze Seite zum Thema „Verbrechen“. 

Doch nicht nur das Verbrechen-Ressort zieht junge Leser*innen an. Auch andere Artikel und vor allem Meinungsbeiträge treffen den Ton und die Themen der Jugend, wie etwa wenn die junge Journalistin Yasmine M’Barek (Instagram: ceremonialsofasavage) einen Kommentar über Markus Söder mit dem Titel „Ein Daddy für die Jugend“ schreibt. In der NDR-Dokumentation über die ZEIT fällt zudem immer wieder der Begriff „ZEIT-like“, also den Ton der Zeit treffend. „ZEIT-like“ wird von den Redakteur*innen zwar nie eindeutig definiert, zentral scheint aber unter anderem die Nähe zu Politker*innen zu sein, ohne dabei zu parteilich zu werden. Die ZEIT war schon immer nah dran an den Mächtigen, etwa durch den Austausch mit Spitzenpolitiker*innen, wie auch dem Bundespräsidenten. 

Di Lorenzo plädiert in diesem Punkt gleichzeitig aber auch für die Wahrung der nötigen Distanz:

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Wenn Medien zu parteilich wirken oder zu fokussiert sind auf sehr wenige Eigenschaften, dann glaube ich, verlieren sie die Bindungskraft, ein Massenmedium zu sein. Sonst beschränkt sich unsere Wirkung nur auf immer enger werdenden Blasen.“

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Di Lorenzo will die ZEIT laut eigener Aussage heute also nicht nur auf eine politische Linie beschränken und stattdessen lieber für Diversität stehen, also auch weniger beliebte oder unbequeme Ansichten darstellen. Das zieht Leser*innen verschiedener Meinungslager an, wodurch sich eine größere Menge an Personen mit verschiedenen politischen Ansichten dem Medium zuwendet. Für di Lorenzo gibt es aber auch eine Ausnahme, nämlich wenn es um den Blick auf „Unrechtsregime und Diktaturen“ geht. Ansonsten sei aber das Ziel, Meinungsverschiedenheiten offen auszutragen und abzubilden. Das hat seiner Meinung nach auch Auswirkungen auf die Redakteure: „Wir finden es nicht richtig, wenn jemand, der sich mit Politik beschäftigt und darüberschreibt, auch selbst Mitglied einer Partei ist. Das ist eine Entwicklung, der letzten 15 Jahre. Vorher war dafür kein besonderes Bewusstsein da.“, erklärt di Lorenzo in einem Interview mit dem NDR. 

Ein Blick in die Vergangenheit: Die ZEIT und die NS-Zeit 

Die ZEIT stand jedoch nicht immer für politische Diversität, wie ein Rückblick in ihre Geschichte verdeutlicht (“Die Zeit”: Die Geschichte einer Wochenzeitung | NDR.de – Geschichte – Chronologie). Gegründet wurde die Wochenzeitung am 21.02.1946 in Hamburg. Bedeutende Persönlichkeiten haben die ZEIT geprägt und ständig weiterentwickelt. Nach dem Kriegsende vergeben die Besatzungsmächte zunächst Lizenzen an deutsche Zeitungen, eine davon geht an den ehemaligen Rechtsanwalt Gerd Bucerius. Seine erste Ausgabe der ZEIT erscheint damals mit acht Seiten und einer Auflage von 25.000 Exemplaren. Doch schon kurz nach der Gründung gerät die Zeitung in Kritik: Der erste Chefredakteur Ernst Samhaber arbeitete zuvor für das Propagandaministerium der Nationalsozialisten und muss die ZEIT wegen seiner als belastet eingestuften Vergangenheit verlassen. Sein Nachfolger und ZEIT-Mitbegründer Richard Tüngel leitet die Zeitung anschließend in eine konservative Richtung. Die anfänglichen Zustände in der Redaktion sind ärmlich, die Journalist*innen müssen im Hamburger Pressehaus in einer ausgebombten Etage arbeiten. 

Eine von ihnen ist Marion Gräfin Dönhoff. Sie ist von Anfang an eine der wichtigsten Stimmen der ZEIT. In ihrem ersten Artikel fordert sie die Deutschen auf, ihren gefallenen Soldaten zu gedenken und verärgert damit die britische Militärregierung. 1954 veröffentlicht Richard Tüngel einen Text des Staatsrechtlers Karl Schmidt, ein Kronjurist des dritten Reiches. Kurz danach muss Tüngel gehen, Dönhoff holt anschließend den späteren Chefredakteur und Herausgeber Theo Sommer zur ZEIT, die nun einer liberalen Linie folgt. Doch die ZEIT verkauft sich lange schlecht, 1960 ist die Auflage unter 70.000 und die Zeitung damit unrentabel. Deswegen schafft Bucerius 1970 das anzeigenreiche ZEIT-Magazin. Bucerius, der früher CDU-Mitglied war, holt 1983 zudem Helmut Schmidt wenige Monate nach seiner Kanzlerschaft zur ZEIT. Schmidt wird Mitherausgeber und prägt das Medium. Sein Name verschafft der ZEIT zunächst große Popularität – bis die Auflagenzahlen Ende der 90er Jahre erneut einbrechen. Die Gesellschaft hat sich verändert und die bekannten, langen Analysen in der ZEIT scheinen Leser*innen eher abzuschrecken. 

Als Bucerius 1995 stirbt, wird der ZEIT-Verlag an die Stuttgarter „Holzbrink-Gruppe“ verkauft. Jetzt verändert der neue Chefredakteur Roger de Weck das Layout, engagiert junge Redakteur*innen und baut das Marketing aus. Diese Anpassungen verschrecken viele Leser*innen zunächst, dennoch folgen weitere Veränderungen: Michael Naumann zum Beispiel führt den Vier-Farbdruck ein, als er 2001 wieder zur ZEIT zurückkehrt und dafür seinen Posten als Kulturstaatsminister verlässt. Mit Joseph Joffe wird er Herausgeber und Chefredakteur, beide passen das Layout erneut an und die Auflage steigt wieder. Seit 2004 ist nun Giovanni di Lorenzo Chefredakteur der ZEIT, bestimmt den Kurs und leitet das Medium. Auch er verändert die ZEIT wiederholt, schafft neue Ressorts und ändert das Layout: „Ich hatte das Gefühl, wir müssen versuchen, dass was wir hier leisten können, sehr nah an Dinge ranzukommen und auch in der Form ansprechend zu machen.“ Dieser Ansatz scheint zu klappen: Im letzten Quartal 2020 hatte die Zeit ihre bislang höchste Auflage mit mehr als 550.000 Exemplaren. Auch ZEIT Online, im Netz seit 1996, erreicht momentan täglich Millionen von Menschen.

Reflektiert und Zielorientiert: Der Umgang mit Skandalen

In ihrer 75-jährigen Bestehenszeit hatte die ZEIT, neben ihrer umstrittenen NS-Vergangenheit, nur mit wenigen Skandalen zu kämpfen. Doch auch hier zeigt sich di Lorenzo reflektiert: „Das ist so wie in Familie, man hat eine gewisse Scheu, die völlig falsch ist, darüber zu reden und erst recht, das nach außen zu zeigen.“ Er sieht auch einen weiteren Fehler ein: Den Skandal um zwei Artikel zur Seenotrettung von 2018. Zwei Redakteurinnen argumentieren darin, ob man Menschen in Seenot retten sollte – „Oder soll man es lassen?“, wie es damals im Titel hieß. Ein Shitstorm folgte und die ZEIT entschuldigte sich für die laut Di Lorenzo „missglückte“ Titelwahl und Aufmachung des Artikels. Im selben Jahr traf auch der Skandal um Dieter Wedel die ZEIT. Der damalige Autor Thomas Fischer kritisierte die Berichterstattung über die Missbrauchsvorwürfe gegen Dieter Wedel und bezeichnete sie als tendenziös und voreingenommen, woraufhin sich der ZEIT-Verlag von Fischer trennte. Damals hatten Juristen der ZEIT den betroffenen Frauen versichert, die Fälle seien verjährt, was jedoch wegen einer Gesetzesänderung von 2015 in einem Fall nicht stimmte. Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren gegen Dieter Wedel ein, was einen Streit zwischen der betroffenen Frau und der ZEIT über die Übernahme der Anwaltskosten auslöste. Im März 2020 urteilte das Landgericht Hamburg zugunsten der ZEIT. 2018 war die ZEIT zudem noch in einen anderen Skandal verwickelt, nämlich in den um Claas Relotius, der auch für ZEIT Online schrieb. Seitdem gebe es strengere Kontrollen und die Redaktion fordere mehr Transparenz, versichern die Verantwortlichen. Der Journalist wird zudem nicht mehr beschäftigt. 

Folgern lässt sich daraus: Die ZEIT passt sich an und versucht aus ihren Fehlern zu lernen. Sie geht mittlerweile offen mit ihrer Vergangenheit um und will unabhängige Nachrichten liefern, die eine möglichst große politische Bandbreite abdecken. Die ZEIT geht mit der Zeit, auch inhaltlich, passt sich an, liefert Themen, die auch die Jugend ansprechen und ist zugleich mehr als nur ein Print-Produkt: Der ZEIT-Verlag hat eine seriöse Medienmarke mit internationaler Bekanntheit geschaffen und deckt durch Magazine und Podcasts verschiedenste Themengebiete ab. Auch wenn sich nicht ausmachen lässt, was letztendlich der ausschlaggebende Punkt des Erfolgs der ZEIT ist, wird es wohl ein Zusammenspiel aus allen genannten Faktoren sein. Zum Abschluss scheint nur sicher zu sein, dass die ZEIT noch viele weitere Jahre im Mediengeschehen mitmischen wird. Sie ist mittlerweile zu einer Institution geworden und nicht mehr aus der deutschen Medienwelt wegzudenken.


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