In der Welt der Anderen

Was ist der Begriff dafür, wenn die Hälfte der deutschen Bevölkerung in teilweise lebenswichtigen Statistiken unterrepräsentiert ist? Wenn von Benachteiligung gesprochen wird, finden sich schnell Menschen, die sich angegriffen fühlen. Wenn nun auch noch der weibliche Körper ins Spiel kommt, explodiert das Pulverfass und der ganze Artikel wird als feministische Verschwörung abgetan. Der Begriff „Gender Data Gap“ ist daher geeigneter.

Aktuell leben in Deutschland rund 42 Millionen Frauen. Damit sind die Frauen hierzulande in der Überzahl, es gibt knapp eine Million mehr Frauen als Männer. Die Statistik geht dabei vom biologischen Geschlecht aus. Trotzdem findet sich der weibliche Körper in den Daten nicht wieder. Das ist ein Problem, weil alle für unser Umfeld entwickelten Produkte und Gegenstände auf Daten basieren.

Bild: Publizissimus

Die Anatomie des Mannes ist der Standard. Es fängt an bei Schreibtischstühlen und endet bei Autos. Im besten Fall sitzt eine Frau unbequem auf einem Stuhl, im schlimmsten Fall stirbt sie bei einem Autounfall, bei dem ein Mann nicht gestorben wäre. Geht es zu schnell? Nochmal langsamer: Wenn ein Produkt entwickelt wird, braucht es Daten über die Zielgruppe. Schließlich muss das Produkt an die Konsument*innen angepasst werden, damit die Verkaufszahlen stimmen. Das Problem ist, dass nicht zu jeder Bevölkerungsgruppe gleichermaßen Daten gesammelt werden. Im Besonderen fehlt es an Daten über Frauen. Wieso aber werden so gut wie keine Daten von Frauen erfasst? Dahinter steckt kein böser Wille, keine geheime Elite, die sich gegen das weibliche Geschlecht verschworen hat. Jedoch wurde die Welt jahrhundertelang von weißen Männern gestaltet, weshalb sie auch an diese angepasst ist.

Ein Gefährt für das Y-Chromosom

Zurück zum Beispiel des Autos. Nahezu alles darin ist auf den männlichen Körper angepasst: Gurte, Sitze, Airbags. Auch die Crashtests werden mehrheitlich mit „männlichen“ Dummys durchgeführt. Diese beruhen auf dem Gewicht, der Größe und dem Körperbau des durchschnittlichen Mannes. Dass die Mehrheit der Frauen diesen Dummys nicht ähnelt, liegt auf der Hand. Das Resultat: Laut Recherchen des BR und Das Erste haben Frauen bei einem Unfall eine 47 % höhere Wahrscheinlichkeit, sich schwer zu verletzen. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, bei demselben Unfall zu sterben, für Frauen 17 % höher.

Gleiche Dosis, andere Wirkung

In der Medizin sieht es nicht besser aus. Der männliche Körper ist auch hier die Norm. Doch die männliche und weibliche Anatomie ist nicht identisch. Neben den geschlechterspezifischen Merkmalen unterscheiden sich das Immunsystem, der Stoffwechsel und die Körperfettverteilung. Krankheitssymptome können bei Männern und Frauen variieren. Bei einem Herzinfarkt fassen sich Frauen nicht an die Brust, sie haben untypische und unauffälligere Symptome, wie starke Übelkeit. Selbst Ärzt*innen erkennen diese teils nicht oder zu spät, das Unwissen kann tödliche Folgen haben.

Auch bei Medikamenten zeigt sich, dass Körper nicht gleich Körper ist. Was bei dem Mann das gewünschte Ergebnis erzielt, muss bei der Frau noch lange nicht wirken. Beispielsweise ist Aspirin für Männer geeignet, um einem Herzinfarkt vorzubeugen. Bei Frauen hat Aspirin diese Wirkung nicht. Trotzdem erhalten die biologischen Geschlechter die gleichen Medikamente. Dass auch die Frau hier wieder den Kürzeren zieht, liegt an der Medikamentenentwicklung. Noch immer werden für klinische Studien überwiegend Männer rekrutiert. Das liegt daran, dass Frauen immer als potenziell schwanger betrachtet werden und man das ungeborene Kind schützen will. Auf der anderen Seite ist es der Pharmaindustrie auch schlicht zu teuer und zu kompliziert, die Hormonschwankungen der Frau zu berücksichtigen. Das einmalige Verabreichen von Medikamenten an Frauen reicht nicht aus, um Nebenwirkungen festzustellen. Frauen müssen mehrfach und in verschiedenen Zyklusphasen getestet werden. Das Resultat der unzureichenden Testung sind schwerwiegendere Nebenwirkungen in der späteren Anwendung, da diese vorher schlicht durchs Raster fallen. Hinzu kommt, dass die empfohlenen Dosierungen in den Packungsbeilagen nicht an Frauen angepasst sind, sie könnten zu hoch sein.

Außerhalb des Blickfeldes

Letztendlich stellt sich die Frage, welches Argument das Ignorieren einer Bevölkerungsgruppe rechtfertigen kann, die über 50 % in Deutschland ausmacht. Das Hauptproblem stellt dabei dar, dass vielerorts die Datenlücke nicht genügend Beachtung findet, obwohl sie schwerwiegende, aber leider zu oft nicht erfasste und damit unsichtbar bleibende Folgen hat. Der Gender Data Gap befindet sich noch immer außerhalb des Blickfeldes vieler Entscheidungsträger*innen.


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